Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 52 (20.12.1858)
- Date
- 1858-12-20
- Page
- Seite 717 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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717 beliebte Vorbeter drangen durch, auch unter Mißbilligung der Rabbiner. Als man im Zeitalter der Gaonen, nachdem Zusätze und Aenderungen schon mannigfache Verschiedenheiten erzeugt, in Zuschriften und Lehrbüchern den Ritus festzusteüen begann, trugen diese selber zu den Abweichungen bei, theilS weil ste in Manchem den Gebrauch frei ließen, theils weil in den verschiedenen Büchern auch daS Verschiedene im RituS berechtigt erschien, indem sich das eine für diesen, daS andere für jenen Minhag erklärte und die Bescheide der Gaonen bisweilen einander widersprachen. „Auch die Bildungsstufe und die Sitten der Völker übten ihren Einfluß aus. Die unter Persern und Arabern, unter Syrern und Griechen, unter Galliern und Gothen, die in heißen oder gemäßigten Erdstrichen Lebenden mußten die Wirkung auf Gebetsinhalt und Ritusweisen verspüren. Unzählige Vorstellungen und Gebräuche haben ihren Ursprung, ihre Fortbildung in dem Zusammenhang des Lebens mit andern Völkern: das Klima und die Sitte, die Cultur und die Sprache spiegeln sich auch in dem Gottesdienste ab. Emanationslehre, Astrologie, Gevatter, Reim und Seelenmesse haben Die Juden von Anderen; kirchliche Ausdrücke, liturgische Sitten, z. B. das Hüpfen im Gebete, Andere von den Juden erhalten. Seit einem Jahrtausend hören die Klagen nicht auf über Fremdes, das bei den Juden sich eingebürgert: Alfafi verdammt die arabischen Singweisen, Parchon den Haarwuchs der Männer und das eigene Haar der Weiber, Jehuda der Fromme die Teufelsbeschwörungen, Kaleb Afendopulo die einjährige Trauer, del Bene das Romanlesen, Jakob Emden Putz und Philosophie, die Zionswächter Orgel sammt deutschen Gesängen. Noch weniger konnten die Schicksale, welche die Juden in den verschiedenen Ländern trafen, unbemerkt an dem Gottesdienste vorübergehen; vielmehr bestimmten ste vorzugsweise Inhalt und Charakter vieler Gebete: ein Ereigniß schuf oft eigene Gedenktage, eigene Gebetsweise." — Ueber die Karäer sagt der Verf. charakterisirend: „Ehe wir die Schicksale des Piut weiter verfolgen, ist ein Blick auf daS Rituale der Anhänger Anan's nöthig, die sich, weil sie unter dem Schilde des Buchstaben das Leben angriffen, Karäer nannten. Den Anämien war es hauptsächlich darum zu thun, sich an die Stelle der Gaonen zu setzen: fich auf den Pentateuch zurückziehend schrieben sie einen neuen Coder, und die Ergebnisse ihrer Eregese mußten natürlich von allem, was in Israel Brauch war, das Gegeniheil sein. So fanden sie denn, daß ^7372 nicht Bastard oder Fremdling , sondern bodenbeschädigt, und das erstgeborene vom Thier nur daS älteste in der Heerde bedeute. Anan bewies, die Paffahkuchen müßten aus Gerste sein, und der Vogel nicht geschlachtet, sondern ihm das Genick abgekneipt werden; die Beschneidung müsse mit einer Scheere stattfinden -und Fackeln dabei anzünden sei unrecht. Ueberall erfand man von dem durch vielhundertjährige Sitte Sanctionirten daS Entgegengesetzte: Erlaubtes ward verboten und umgekehrt. Demnach war Eingehung der Ehe mit der Nichte — bei den Juden eine verdienstliche Handlung — verpönt, eben so gewärmte Speise und Beiwohnung am Sabbat, sogar Bewegung und Beschneivung. Am Neujahr-, Wochen- und Hüttenfest war das Kochen von Speisen nicht gestattet. Am Sabbat durste nicht nur kein Licht angezündet werden, Anan wollte sogar, daß man ein brennendes Licht auslösche. Durchweg tragen die Bestimmungen dieses neuen Gesetzbuches den Charakter einer gemachten Opposition: danach lehrte man, daß die Ehe nicht durch eine der drei, sondern mittelst aller drei Weisen, die die Mischna angiebt, gültig werde; die gesetzmäßige Schlachtung erfordere die Durchschneidung von vier (statt zwei) Gefäßen; Gesäuertes dürfe zu Passah nicht verkauft werden. Die Contracte müßten hebräisch (nicht aramäisch) lauten, die Gesetzroüen Vocale und Accente haben; Passah dürfe nur am Montag, Mittwoch oder Freitag sein (Tage, die der jüdische Kalender ausschließt) und das Wochenfest nur auf einen Sonntag fallen, was früher schon Boöthianer lehrten. Schaufäden seien sieben (statt acht) an jeder Ecke nöthig u. dgl. m. Den 13 Midvot gegenüber lehrten ste — da die Zahlen 10 und 11 auch rabbanitisch find — deren 12 oder 14, und nachdem Maimonides 13 Glaubensgrundsätze aufgestellt, fanden sie — dem Islam gleich —daß es 10 seien. Bei der Jnterpretirung der Propheten leitete sie derselbe Haß: ste entdeckten, die zwei Frauen, Zachar. 5, 9, seien die Sitze der Gaonen, Sura und Nehardea, oder die Akademien in Babylon und Jerusalem. Dennoch haben sie selber den geonäischen Titel und sogar Gaon und „Rabbi" angenommen. Weil die Gründer der Mischna aus Hillel's Familie stammten, nehmen sie für Schammai Partei, und weil die Masoreten fich für den Tert von Ben Ascher entscheiden, halten sie es mit Ben Nastali. Die gottesdienstlichen Einrichtungen tragen gleichen Stempel. Der Name Neujahrfest wurde mit dem Schofar-Blasen abgeschafft, und dafür das biblische wnn eingeführt; Gedalja-Fasten vom 3. auf den