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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-12-20 · Heft 52 (20.12.1858) · p. Seite 715

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 52 (20.12.1858)
Date
1858-12-20
Page
Seite 715 (sequence 3)
Language
German
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715 stern schwärmerischer und tiefsinniger Juden gepflegt ward, wie sie als solche durch die Kette der Gnostiker, Neuplatoniker und Alexandriner Jahrtausende zurückreicht. Er war aber auch seit langer Zeit vorbereitet. Wir haben erst in diesem Jahre unser» Lesern das Bild R. Jonathan Eibenschütz vorgeführt, und sie sahen daran, wie der Glaube an die Wunderthätigkeit der Talismane, auf welche der Name Gottes in den wundersamsten Charakteren und Verschlingungen verzeichnet, nicht allein vom Volke, sondern von allen Rabbinen jener Zeit gehegt und gepflegt und selbst von Denen unbedingt angenommen ward, welche R. Jonathan als Sabbathäer beschuldigten und befeindeten. Wir brauchen ferner nicht zu dem Aberglauben der Astrologie zu reeuriren, Ivie er mit wenigen Ausnahmen von den sonst erleuchtetsten Rabbinen auch der spanischen Schule geglaubt und getrieben wurde, sondern nur an die ungeheure Masse von Gespenster- und Dämonengeschichten, Sagen und Märchen zu denken, welche bei den Juden des Mittelalters bis auf die neueste'Zeit im Schwange waren; ja, wir können nicht umhin, die Wurzel dessen in der Hagadah zu finden, die von der Bath Kol und der Erscheinung des Propheten Elijah bis zur Lilith und den Schedim so viele Wundergeschichten erzählt. Was Wunder also, daß sich alles Dies zuletzt zu einem populären System umwandeln mußte, welches mit dem für den Menschen bezaubernden Reize des Wunderbaren ausgeschmückt, die rohe, ungebildete Masse unwiderstehlich hinreißen muß?! Der Chassidismus ist ein Geschenk des slavischen Judenthums an uns, nachdem es uns früher mit dem Pilpul beschenkt hatte. Die grobe Unwissenheit, der Mangel an aller Cultur einerseits, die lebhafteste Einbildungskraft und Geistesbewegtheit andererseits und endlich das unsägliche Elend und der außerordentliche Druck, welche in diesen Landstrichen auf den Juden lasteten, sind die natürlichen Ursachen, aus welchen der Chassidismus entstand. Die Orthodoxie hatte ihren Reiz und ihre Belebungskraft verloren, sie war durch die Jahrhunderte lange Bearbeitung ihres Stoffes zu nüchtern geworden; und da dem Geiste die wissenschaftliche Cultur in jenen Ländern keinen Ersatz bot, wurden die Fesseln zerschlagen, und der Rausch der Thaumaturgie wird aus den Bechern der Rebbes mit Gier geschlürft. Frägt man nun, wodurch der Chassidismus bekämpft werden könne, so denke man nur im Entferntesten nicht an Gewalttätigkeit. Man hat ste vor einem Decennium in Rußland versucht, und ste war fruchtlos. Ist Gewalt aus religiösem Gebiete stets verwerflich, so vermag ste noch weniger den Verzückungen des Wunderglaubens gegenüber. Dem Chassidismus fehlt jede wissenschaftliche, ja jede geistige Unterlage. Er bedarf nicht einmal des Schreibens und Lesens. Die Asche aas der Pfeife des Rebbes vermag mehr, als alle gelehrte Kamaien. Gerade darum ist die einzige, aber genügende Waffe der geregelte Schulunterricht. Das Gesetz, nur in wissenschaftlicher Weise gebildete Rabbiner und Lehrer anzustellen, allenthalben Schulen einzurichten, mit der Verpflichtung der Eltern, ihre Kinder sie besuchen zu lassen, dies nicht allein gegebene, sondern vollführte Gesetz würde genügen, dem Chasfivismus die Zukunft abzuschneiden. Literarischer Wochenbericht. Leipzig, im December. Zn diesen Tagen wurde die dritte Lieferung des Buches der Haphtoroth von vr. Ludwig Philippson, bestehend in Bogen 16—25, ausgegeben. Mit der folgenden Lieferung wird das Werk beendet. Wir haben schon bemerkt, daß es, außer mit dem Pentateuch, auch besonders verkauft wird. Die Ausstattung ist ganz dieselbe wie die des großen Bibelwerks und der Pentateuchausgabe, jedoch ohne Holzschnitte. Den Besitzern des ganzen Bibelwerks kann es daher als Supplement empfohlen werd.cn, da es einen völlig neuen Commentar von homiletischer und religionsphilosophischer Tendenz zu den Haphtoroth enthält. Lemberg, im December. Unser allgemein beliebter Kanzelredner, Herr vr. Schwab ach er, hat so eben auf Verlangen und Zureden einiger gelehrter Mitglieder unserer Gemeinde drei Kaiserreden, gehalten bei Gelegenheit allerhöchster Veranlassungen unter dem Titel: nrab» ‘ins der Presse übergeben. Auch wird höchst wahrscheinlich die Trauerrede auf den seligen Freisrabbiner Ehlenberg baldigst im Druck erscheinen. Die Leistungen unseres geistreichen Predigers find so mannigfach und anstrengend, daß man in anderen Ländern kaum eine Ahnung davon haben kann, wenn man nicht durch eigene Anschauungen mit unseren Verhältnissen bekannt wird. Um so mehr muß man hervorheben, daß die Kanzelreden dieses verehrten Mannes die vollste Befriedigung gewähren. Joseph Kodak. Magdeburg, im December. vr. Zunz, Die Ritus des synagogalen Gottesdienstes. Berlin, 1859. (Schluß aus No. 49.) Die einleitenden Worte lauten: 52*

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