Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-12-20 · Heft 52 (20.12.1858) · p. Seite 714

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 52 (20.12.1858)
Date
1858-12-20
Page
Seite 714 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226093-3226146--17370-3246281
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

714 thum hingegen, d. h. daS rein talmudische und altrabbinische, sieht, da, wo der Chassidismus erst Wurzel gefaßt, die große Menge seiner Bekenner täglich mehr zu deri Chässtdim übergehen. . Denn man irrt im westlichen Europa, wenn man Beide mit einander verwechselt, und den Chassidismus etwa als eine übertriebene Orthodorie ansieht. Der Chassidismus ist ein ärgerer Feind des Talmuds, als alle Neologie. Die letztere betrachtet den Talmudismus als eine große, wohlberechtigte Phase des historischen Judenthums, möchte ihn organisch weiter entwickeln, sucht in ihm nach Anknüpfungspunkten, und kann, wenn sie offen sein will, nicht läugnen, daß, was sie an concreter Gestalt besitzt, immer noch auf dem Fundamente des Talmudismus besteht. Der Chassidismus dagegen steht seinem ganzen Wesen nach dem Talmud gegenüber; seine Lehren, Bräuche und Thaten find völlig antitalmudisch; der Chassidäer verachtet die talmudische Gelehrsamkeit, um so mehr, da er wohl weiß, daß die Ignoranz der eigentliche Ackergrund ist, aus welchem der Chassidismus herauswächst. Wie dem aber auch sei, es ist Zeit, daß die allgemeine Aufmerksamkeit immer mehr auf und gegen den Chassidismus gerichtet werde. Er ist bereits innerhalb des Judentums zu einer großen Macht erwachsen, welche an Umfang mit dem orthodoren und fortschreitenden Judenthume sich bereits messen kann, an Energie und Jntensivität aber gegenwärtig beide bei Weitem übertrifft. Wir haben eben gesagt, daß der Chassidismus ein Feind des Talmudismus sei; aber er ist nicht minder Feind des Mosaismus selbst, und so heilig er auch die Thorath Moscheh hält, so untergräbt er dennoch deren Lehren aufs Tiefste und erschüttert ihre Grundvesten. Der Aberglaube ist so alt wie der Glaube. Wenn die eine (aber nur die eine) Wurzel des Gottglaubens im Menschen das Gefühl der Abhängigkeit von einer höheren Macht ist, so dachte fich der Mensch diese höhere Macht nicht als eine vollkommene Einheit, wenigstens neben der höchsten Macht noch eine Menge von Geistern, Kräften und Einflüssen, welche, neben oder unter Gott auf die Geschicke und Erscheinungen influiren. Die Lehre Moschehs nun war berufen, diesen Aberglauben zu bekämpfen und zu vernichten, und wie sie einerseits die unbedingte Einheit Gottes lehrte, so auch die -Vollkommenheit seiner Macht, daß es außer ihm keine Macht irgend einer Art giebt. Zu den ersten Geboten gehörte daher keine Art von Zauberei und Zauberern, keine Gattung von Wuuderthätigkeit und Wunderthätern zu dulden. Wer zur Zauberei seine Zuflucht nimmt, der wird nnt der Ausrottung durch Gott bedroht, und wer Zauberei treibt, soll gesteinigt werden, es ist wie wenn Blutschuld an ihm hastet (2 Mos. 22, .17.; 3 Mos. 19, 26. 31.; 5 Mos. 18, 9—13.). Setzen wir die Worte der letzten Stelle, zu den letzten gehörend/ die Mcffcheh zu seinem Volke sprach; hierher als ein unzweifelhaftes Zeugniß, daß der Chassidismus eine völlig antimosaische Erscheinung im Judenthume ist, als einen klaren Protest Moschehs selbst dagegen, daß dieses finstere Erzeugniß des letzten Jahrhunderts seiner göttlichen Lehre zugerechnet werde. Es heißt: „So Du in das Land kommst, das der Ewige, Dein Gott, Dir giebt, so lerne nicht gleich den Greueln dieser Völker thun. Es werde nicht unter Dir gefunden: wer seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer führt, Wahrsagerei, verdeckte Künste und Zeichendeuterei und Zauberei treibt, und wer Bann spricht, und Beschwörung befragt, und Zauberkundiger und Todtenbeschwörer. Denn ein Greuel des Ewigen ist Jeder, der Solches thut, und wegen dieser Greuel treibt Jene der Ewige, Dein Gott, vor Dir aus. Vollkommen sollst Du sein mit dem Ewigen, Deinem Gotte." — Aber eben so wie die Lehre Moschehs in Israel selbst ein Jahrtausend lang Kampf mit dem Heidenthmne zu bestehen hatte, so erstand in diesem auch der Aberglaube, insonders die Wunderthäterei immer von Neuem. — So wie Schelomoh, der den Tempel aus Morijah gebaut, selbst schon wieder Götzenaltäre errichtete: so hat Schaul, welcher, wahrscheinlich auf Schemuels Geheiß, „die Todtenbeschwörer und Zeichendeuter" aus dem Lande ausgerottet hatte (1 Schem. 28, 9.), seine Zuflucht zur Here von Endor genommen. Das Götzenthum wurde in Israel überwunden, aber der Aberglaube und die Wunderthäterei, dieses andere Heidenthum, kam immer von Neuem in ihm auf. Die Herrlichkeit der Lehre Moschehs als Feindin alles Aberglaubens, als Verkünden« der alleinigen Macht und Vorsehung des allweiftn und allgütigen Gottes, wird uns um so klarer, wenn wir den tausendfältigen Cultus des Aberglaubens, welchen die Religionen aller alten Völker, auch der Griechen, Römer und Germanen, vom Vögelfluge bis zu den Eingeweide« der Opferthiere sanctionirten, in Erwägung ziehen; und um so tiefer schmerzt es den wahren Juden, gerade hierin zu allen Zeiten bei der großen Masse des jüdischen Volkes die Lehre Moschehs entstellt zu sehen. Wir sagten oben, daß der Chasstdismus ein Erzeugniß des letzten Jahrhunderts sei; indeß meinen wir dies nur in seinem concreten Auftreten. Denn an fich ist er nur ein getrübter Ausfluß der Kabbalah, wie sie als eine Art Religionsphilosophie Jahrhunderte vorher in den Gei-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.