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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-12-13 · Heft 51 (13.12.1858) · p. Seite 699

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 51 (13.12.1858)
Date
1858-12-13
Page
Seite 699 (sequence 3)
Language
German
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«SS in nicht mehr ferner Zeit die Verantwortlichkeit aller dieser Handlungen zurückfallen? Und was für eine Verantwortlichkeit! Denn in diesen traurigen Angelegenheiten sinv außer den Fortschrittsöffentlichen Unterrichts - und Civilisationsfragen die Undankbarkeit und der Streit über Lächerlichkeiten einbegriffen. Die Undankbarkeit, dieses abscheuliche Laster kleiner Seelen, wird den Urhebern dieses traurigen Conflicts von allen rechtschaffenen Israeliten der ganzen Welt vorgeworfen werden. Sie, Herr Groß-Rabbiner, wollen den Unterricht der französischen Sprache in Ihren Schulen verbannen, Sie, ein Bruder Rothschilds, Foulds, Cremieur', Halphens, Cohns u. s. w.! Haben Sie denn vergessen, was Sie Frankreich verdanken? War es nicht Frankreich, das zuerst in Europa die ungerechten Scheidewände, die Sie von dem übrigen Theil der Nation trennten, niedergeriffen und Ihnen die bürgerlichen Rechte zuerkannt hat? Sahen Sie es nicht Israeliten in sein Heer, in seine Magistratur bis zu den höchsten Aemtern aufnehmen? sahen Sie es nicht 1848 einen wichtigen Tcheil seiner Regierung, die Verwaltung seiner Finanzen, seiner Justiz zweien Israeliten anvertrauen? Erheben Sie die Augen bis zum Throne des Kaisers Napoleon; sehen Sie nicht einen Israeliten in seinem Staatsrath fitzen? Erinnern Sie sich der Scenen zu Damaskus 1839 und des energischen Schutzes, welchen die Opfer bei den französischen Behörden gefunden?*) Und haben Sie in unfern Tagen, wenn Sie vor den Fenstern Ihres Hauses in Orta-Keui diese tapfere französische Armee, die so viel gethan und gelitten, vorbeiziehen sehen, jemals an die Wohlthaten gedacht, die unter dem Schatten ihrer Fahne, und der Fahnen der Aüiirten hervorgesprossen? Schlagen Sie den Pariser Vertrag auf, und Sie werden darin den Sultan freiwillig zur würdigen Krönung dieses großen Krieges, Versprechungen und Garantien stipuliren sehen, von denen der Hattimajun von 1856 Ihnen einen genügenden Theil zukommen läßt. Erinnern Sie sich auch dieser meuterischen Volksmenge im Jahre 1855 Hierselbst gegen die Israeliten des Quartier Djubali, der Opfer dieser abscheulichen Anschuldigungen, die fich fast in jedem Jahre bei Gelegenheit Ihres Osterfestes erneuern; französische Soldaten waren es, die Euch die erste Hülfe leisteten. Ge¬ *) Dies ist nicht richtig. Gerade die französischen Behörden, der damalige Ministerprästvent Thiers (aus Feindschaft gegen Rothschilds) an der Spitze, nahmen die Verfolger der Juden in Schutz, und gaben stch das Ansehen, als ob sie an die Schuld der letzteren glaubten. Die Redaction. stern noch konntet Ihr nicht Frankreich bereit sehen, einen neuen Krieg zu beginnen, um zu rächen, wenn eS nothwendig gewesen wäre, einen Israeliten in Tetuan, feinen Agenten? Heute, hört Ihr nicht sein Grollen, daß in Frankreich sowohl als in dem größten Theile Europas gegen Rom protestirt hat wegen eines Israeliten, im Namen der Gewissensfreiheit? Unv die französtsche Sprache ist eS, die Ihr verdammen wollt! „Die Rabbiner von Haß-Keul verdammen den Unterricht in der Geographie; ste geben nicht zu, daß man die Namen der Städte Sanct Petersburg, San Francisco nennt, daß ein Strom der Sainr-Laurent, ein Vorgebirge das Cap Saint-Georges, ein Archipel die Inseln der Mre ve Dieu, eine Colonie!a Trinite, eine andere la Redemption heißt, daß man sage: die Bai von TovoS-Sanros, die Landzunge von Santa-Cruz rc. re. „Was die Grammatik betrifft, so kann man nicht das Verbe savoir conjugiren; eine Zeit dieses Verbes lj'ai su) erinnert zu stark an den Namen Jesus. Das Zeitwort raarier ist in gleichem Falle, der Imperativ giebt den Namen der Jungfrau Marte. In der Mathematik, in den Realien ist es eine andere Sache: die gebräuchlichen Zeichen -{-, die Plus und X, welche die Multiplication bezeichnen, sind Kreuze! JnS Feuer also diese Rechenvücher, diese Bücher über Algebra, Geometrie, Chemie und Physik, über alle ttcacte Wissenschaften. „Mögen sich Ew. Hochwürden wohl die W \t> ins Gedächtniß zurückrufen, welche der Groß-Vezir Reschiv- Pascha an Sie richtete, als der Sultan Sie mit der hohen Würde belehnte, die Sie bekleiden: „Wir stehen in einer Zeit des Fortschritts; Se. Majestät rechnet auf die Initiative der Spitzen der Gemeinden." Diese Zeit des Fortschritts ist gewachsen: der Hatti-Humajun hat der Regierung ein Recht zur Aufsicht über die Schulen gewährt, ein Recht, dessen der kaiserliche Rath des öffentlichen Unterrichts stch zu bedienen nicht zögern wird. Schon ist, wenn wir recht unterrichtet find, die Frage erörtert; die hohe Pforte ist entschlossen streng zu verfahren, wenn es sein muß, gegen Diejenigen, welche die wohlwollenden Absichten des Sultans verkennen, und eine Institution wieder aufzurichten und zu erhalten, deren Resultate vollständig gewürdigt worden find. Wir bedauern, Herr Groß-Rabbiner, die Gewalt da einschreiten sehen zu müssen, wo Sie durch die Ueberzeugung hätten stegen können, und eine so hohe Autorität als die Ihrige stch vor Befehlen beugen zu sehen, anstatt daß diese Autorität nttr Gefühle der Duldsamkeit und der Liebe zum Fortschritt, von denen 51 *

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