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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-12-13 · Heft 51 (13.12.1858) · p. Seite 698

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 51 (13.12.1858)
Date
1858-12-13
Page
Seite 698 (sequence 2)
Language
German
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698 meinsatz aufgestellt wurde: „Die Gerechten aller Völker sind der ewigen Seligkeit fheilhaftig", so wmde dies noch , specieüer gefasst, indem d«n Richiisraeliten nur die söge- ' nannten Noachitischep Gesetze, wie Ae ans 1 M. 9, 4— 6. , von den Talmudisten abgeleitet wurden, zur Pflicht gemacht wurden. Welche speciellen und localen Ausschreitungen daher auch im Laufe unserer langen Geschichte hier und da einmal geschahen, so wurde doch betreffs des Seelenheils und der Seligkeit niemals ein Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden, zwischen „Gläubigen" und „Ungläubigen", zwischen „Rechtgläubigen" und „Ketzern" gemacht. Daß unter allen Individuen eine Verschiedenheit deö sittlichen Charakters und Handelns stattfindet, daß ein Jeder mehr oder weniger gottesfürchtig und tugendhaft oder gottlos und sündig sei, daß also hiernach die göttliche Vergeltung und das göttliche Gericht für Jeden verschiedentlich ausfalle, und daß daher ein Jeder im Jenseits einen weiteren Weg zur Läuterung habe, geht von selbst hervor. Diese so gestaltete und alle Phasen und Lehrgebäude des Judenthums durchdringende grundsätzliche Anschauung war daS Fundament, auf welchem das Judenthum die Religion der Toleranz geworden, als welche sie auch von großen nichtjüdischen Autoritäken anerkannt worden, wie z. B. von Lesfing. Die Juden in Konftantinopel. Wenn wir in der letzten Zeit vorzugsweise mit Ereignissen zu schaffen harren, welche die äußeren Verhältnisse unserer Glaubensgenossen berühren, so dürfen wir darum die inneren Vorgänge durchaus nicht aus dem Auge verlieren. Der Geist der Reaktion gegen die europäische Civilisation ge.ht durch den ganzen Orient; und wenn er am Ganges in einem blutigen Aufstande, in Tschedda und an anderen Punkten in Mord und Ueberfall, in Perfien in immer wieder hervorbrechendem Groll gegen die Engländer fich kundthut: so kann er zwar in Konstantinopel wegen der Nähe der europäischen Mächte sein Haupt nicht erheben, flüchtet sich aber desto ungescheuter in die Mitte der israelitischen Gemeinde, die bekanntlich zwischen 70—100,000 Seelen zühlt. Hier hat er sich zunächst gegen die von Herrn Albert Cohn gestiftete israelitische Schule und gegen die kleine Colonie europäischer Israeliten gerichtet. So eben erhalten wir die neueste Nummer der presse d’Orient vom 20. November, in welcher die Redaction abermals ein Schreiben an den Chacham-Bgschi richtet, aus welchem wir mehrere Stellen hrrvo-chchen, um die Sachlage zu charakteristren: „Herr Groß-Rabhiner! Vor beinahe einem Monat hatten wir die Ehre, an Ew. Hochwürden einen Brief zu richten, der zu viel Wiederhall in der israelitischen Gemeinde gefunden hat, als daß dies nicht zu Ihrer Kenntniß gelangt sein sollte. Wohl unterrichtete Männer haben diese Adresse in populäres Hebräisch übersetzt und in Konstantinopel, in den Vierteln von Haß-Keul, Balat und Kouskountjouk, alsdann in Smyrna, Adrianopel, Salonichi und anderwärts verbreitet. Es ist Ihnen nicht unbekannt, wie diese Adresse von den Rabbinen von Haß-Keul ausgenommen wurde, die vorgeben, fich dem Unterricht in der französischen Sprache in den Schule» dieses Viertels zu widersetzen; diese Unvernünftigen wollten eben so weit im Lächerlichen als im Fanatismus gehen; sie haben den Bann auf uns, aus die Unsrigen, auf die presse ä'Orient und auf Jeden, der den auf die Begebenheiten zu Haß-Keul bezüglichen Brief gelesen hat, geschleudert. Zwei Adressen, eine von den ehrenwerthen Mitglieder» des Eomitös der israelitischen Schulen, die andere von einer großen Anzahl Ihrer fremden Gläubensgenoffen in Konstantinvpel, haben uns aufs Würdigste wieder aufgerichtet, im Namen der Grundsätze der religiösen Toleranz, im Namen des gesunden Menschenverstandes von dem tollen durch die Rabbinen von Haß-Keul geschleuderten Bannfluch. Wir gestehen es ohne Stolz, aber mit Aufrichtigkeit, daß wir hofften, dieser Brief würde Ihnen sehr willkommen sei» und daß in Bälde durch Ihre Befehle die Gemeindcschule zu Haß-Keul wieder eröffnet sein würde, nach dem einstimmigen Wunsche der Familie» und der formellen Willensäußerung der türkischen Regierung. Jedoch, nichts dergleichen ist geschehen! „Gegenwärtig ist die Gemeindeschule geschlossen. Neue Unordnungen gingen vor. Wenn ungeachtet des in die Straßen von Haß-Keul geschleuderten Bannes man die Lehrcourse der Schule fortgesetzt hat, wenn die Familienväter, indem sie denen eine Lehre der Weisheit gaben, von denen die letztere ausgehen sollte, ihre Kinder ununterbrochen in die Gemeindeschule schickten, so haben es mehrere kleine Rabbinerchen gewagt, bis in dies Institut einzudringen, und die Schüler aus demselben zu verjagen. Ich will Ihnen weder von den zerrissenen Büchern, noch von den gegen die Familien ausgestoßenen Drohungen, noch von andern in jeder Beziehung schmachvollen Acten sprechen. Auf wen, fragen wir Ew. Hochwürden, muß

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