Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 49 (29.11.1858)
- Date
- 1858-11-29
- Page
- Seite 676 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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676 Preußen. Arnsberg, im November. (Privatmitth.) Ein Seitenstück zu dem aus Aachen (No. 46. d. Ztg.) gemeldeten Vorfall boten die so eben eröffneten Assissen in hiesiger Stadt. Der jüdische Kaufmann R. aus Rhüten war zum Geschwornen gewählt. Er stellte an das hiesige Kreisgericht das Gesuch, ihn für den Sabbath von den Sitzungen zu dispensiren. Auf erhaltenen abschlägigen Bescheid wandte er sich an daS hiesige Appellationsgericht. Bei Eröffnung der Schwurgerichtssitzungen erklärte der Präsident, daß das Gesuch verworfen sei. Hierauf entgegnete Herr R., daß er sich hierbei nicht beruhigen könne. Der Art. 12. der Verfassung gewähre allen Staatsbürgern gleiche Rechte. Nun seien aber die Christen am Sonntag von allen gerichtlichen Handlungen, Terminen re. diSpensirt, er beanspruche daher ein gleiches Recht, Auch habe das Gesetz vom 23. Juli 1847 den Juden offenbar freie Religionsübung gewährt; er könne sich daher nicht zwingen lassen, dem jüdischen Gesetze entgegen, am Sabbath Urtheile zu fällen. Der Staatsanwalt bestritt diese Ausführungen. Er wies nach, daß das Gesetz eine solche Ausnahme nicht gestatte, daß auch in der PrariS darnach nicht verfahren werde, und beantragte, das Gesuch zu verwerfen. Herr R. provocirte die Entscheidung des Gerichtshofes. Nach kurzer Berathung erklärte der Gerichtshof, das Gesuch sei bewilligt. Herrn R. gebührt die Anerkennung, durch seine Festigkeit das Judcnthum zur Geltung gebracht zu haben. Zu bedauern ist nur, daß die drei anderen jüdischen Geschwornen sich nicht von vorn herein dem Gesuche anschlossen, und so genöthigt sind, am Sabbath als Geschworne zu fungiren.-Herr R. bezog sich in seinem Vortrage auch auf die in dieser Zeitung mitgetheilten ähnlichen Fälle aus Aachen und Berlin, worauf er vorzügliches Gewicht legte, und ich zweifle nicht, daß diese Präcedenzfälle auf die Entscheidung von Einfluß waren. Dabei zeigt es sich recht deutlich, wie nothwendig eS ist, alle das Judenthum betreffenden Ereignisse in dieser Zeitung zur allgemeinen Kenntniß zu bringen. Ich möchte das besonders meinen Herren Collegen zur Pflicht machen. Die Berichte auS unserm Vaterlande fließen in dieser Zeitung gar spärlich. Höchstens findet man da Berichte auS der Provinz Schlesien und Posen. Wie wichtig aber oft eine Notiz auS dieser Zeitung werden kann, dafür hoffe ich in einer der nächsten Nummern einen eclatanten Beweis liefern zu können. Julius Wolfs, Cultusbeamter und Lehrer. » Aus Schlesien, 16. November. (Privatmitth.) So viel bis jetzt bekannt ist, haben sich in hiesiger Provinz an den Urwahlen vom 12. d. M. auch unsere Glaubensgenossen stark betheiligt. In den meisten Städten sind auch Israeliten zu Wahlmännern gewählt worden. In BreSlau beträgt die Zahl der jüdischen Wahlmänner über 60. — Herr Landrabbiner Tiktin in BreSlau, welcher — wie wir Ihnen bereits unterm 4. d. M. mittheilten — zum Comite des „konservativen Wahl-VereinS für Schlesien" gehört, hat kurz vor den Urwahlen ein an ihn gerichtetes Schreiben des Oberbürgermeisters Elwanger in Breslau veröffentlicht, worin ihm versichert wird, daß die Verwirklichung Dessen, waS Art. 12. der Verfassung besagt, auch Seitens der conservativen Partei angestrebt wird. — Posen hat unter 146 Wahlmännern 48 jüdische, — also circa ein Drittel, — obschon die jüdischen Einwohner dieses Ortes noch lange nicht den vierten Theil seiner Gesammtbevölkerung betragen. — Eine sehr freudige Stimmung erregte unlängst in Posen die Nachricht, daß die Bestätigung der Wahl des jüdischen Assessors Dr. Maximilian Samter zum besoldeten Stadtrathe, — welche bekanntlich der frühere Minister des Innern, Herr v. Westphalen, verweigerte, — von dessen Nachfolger nunmehr ertheilt worden wäre. —*) Ralibor zählt unter 10,212 Einwohnern 1015 Juden. Eine öffentliche Schule hat die jüdische Gemeinde, welche zu den größten in Oberschlesien gehört, noch nicht, sondern beschränkt sich auf eine dreiclassige Privat- und noch eine sogenannte Familienschule, welche beide zusammen von nicht viel über 100 Kindern besucht werden. Die Mehrzahl der jüdischen Jugend wird in den christlichen Schulen des OrtS, zu denen wir auch daS dasige evangelische Gymnasium zählen, unterrichtet. Aus Schlesien, 18. November. (Privatmitth.) Herr Marcus Dresdner in Beuchen, Oberschl., eines *) Die „N. Pr. Z." erklärt dies für — unbegründet! Red. d. A. Z. d. 3.