Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 49 (29.11.1858)
- Date
- 1858-11-29
- Page
- Seite 671 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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671 Rechte, sondern nur Pflichten, und das Recht entstehe erst aus der von einem Nächsten gegen den anderen geübten Pflicht. Es scheint uns dies nichts Anderes, als ein Streit, ob es nur Väter oder nur Söhne gebe? Warum erklärt uns Herr Weill nicht, was er dann unter Pflicht verstehe? ist nicht Pflicht die Erfüllung Dessen, was ein Anderer das Recht zu fordern hat? Pflicht und Recht find im Wesen ebenfalls nur Ein und Dasselbe. Zwischen jeden zweien Menschen findet ein bestimmtes Verhältniß statt, welches bestimmte Handlungen fordert. Von Seiten des in der Handlung Thätigen heißt dieses Verhältniß Pflicht, von Seiten des in der Handlung Leidenden, d. h. für den die Handlung geschieht, heißt das Verhältniß Recht. Demnach ist weder eine Pflicht ohne ein Recht, noch ein Recht ohne eine Pflicht denkbar. Es kommt auch hierbei nur auf die Auffassung und das Maß von Pflicht und Recht an, und darüber die Menschen aufzuklären, muß die eigentliche Ausgabe Dessen sein, der für Wahrheit und Gerechtigkeit strebt. — Herr Weill sagt, daß er, seitdem er das vierzigste Jahr erreicht, alles Politisiren aufgegeben, und fich nur der Philosophie gewidmet Hube. Versteht er unter Politifiren nur das einseitige Besprechen der Tagesneuigkeiten, so hat er gewiß recht gethan, sonst aber befaßt die Philosophie ficher auch die Politik, und die Forschung über den ideellen und factischen Staat macht einen wesentlichen Bestandtheil der Philosophie aus. Wir können aber den Wunsch nicht unterdrücken, daß Herr Weill zu einer Consolidirung seiner Ansichten gelangen möchte. Magdeburg, 23. November. „Die Ritus des synagogalen Gottesdienstes, geschichtlich entwickelt von vr.Zunz. Berlin 1859." Ein höchst verdienstliches Werk mit einem unermüdlichen Fleiße und umfassender Sachkenntniß geschaffen. So wie eS bei keiner Confesston wieder eine so ausgearbeitete und vielverzweigte Liturgie giebt, so besitzt auch nunmehr keine Confesston eine solche ausführliche, bis ins Allerkleinste eingehende Geschichte ihrer Liturgie, wie wir. Es handelt fich hier nicht allein um das Entstehen und die Verschiedenheit der mannigfaltigen RituS im Großen und Ganzen, sondern eingänglich um die Geschichte jedes einzelnen Gebetstückes, die verschiedenen Lesarten und Formeln u. s. w. Wir muffen dafür dem Dr. Zunz um so mehr zu Dank verpflichtet sein, als es sich hier nicht sowohl um ein ganz unangebautes, als zuletzt um daS dürrste Feld handelt, auf welchem man sich nicht blos mit der Zurechtlegung von duftenden Blüthen und süßen Früchten, sondern auch von getrockneten Disteln und abgestorbenen Grashalmen beschäftigen muß. Noch größer wird dieser Dank, wenn diese Arbeit nicht von wahrer Pietät, von wirklich gläubiger Liebe unternommen wird, sondern mit objectiver Gleichgültigkeit gegen die Sache und alleiniger Liebe für das Forschen, das sich vom Großen ins Kleine und vom Kleinen ins Kleinliche drängt. Es mag hiervon kommen, daß Zunz fich mit dem rein Factischen begnügt, daß es ihm nur darum zu thun ist, wann, wo und wie irgend ein Gebetstückchen, namentlich ein Piut oder eine Selicha — denn um diese handelt es sich auch in diesem Werke Zunz' vorzugsweise — entstanden sei. Was hingegegen für Schlüsse daraus auf den Geist, die Anschauungsweise und die Glaubenssätze in den verschiedenen Zeiten und Ländern zu ziehen, Alles überhaupt, was mehr den Inhalt und nicht die Form der ritualen Gebete betrifft, dies Alles hat Zunz von seiner Arbeit fern gehalten. Es ist somit doch nur ein großes Material für weitere, intensive Forschungen gegeben. Es wird für unsre Leser interessant sein, die einleitenden Worte des Werkes, so wie ein sehr unterrichtendes Stück über die Karäer hier zu lesen und geben wir daher sie hier wieder. (Schluß folgt.) S t o lp, im November. R i mm o nim (Abtalion, dritter Kursus). Ein deutsches Lesebuch für Jisraeliten in Schule und Haus, zur Bildung des Geistes und Gemüthes, insonders zur religiösen Erkräftigung. Herausgegeben von Dr. I. H. Jacobson, Rabbiner und Prediger. Leipzig. Friedrich Brandstetter. 1859. XX. und 391 S. Der fleißige und auf dem Gebiete der Pädagogik sehr verdienstvolle Autor hat hier ein in der That gutes, sehr brauchbares Buch geliefert. Während derselbe in den zwei früheren Theilen seines „Abtalion" für die jüdische Schuljugend in den niedrigeren Stufen gesorgt und das Geeignete bearbeitet hat, bat er fich in diesem Buche ein weiteres Ziel gesteckt und nicht blos die Schule, sondern auch das Haus und auch die mehr herangereiften Schüler in gehobenen Elementar- und Bürgerschulen inö Auge gefaßt. Das Buch ist sehr reichhaltig und hat das Eigenthümliche, daß es von Israeliten für Israeliten verfaßt und gesammelt ist. Es soll dies nicht sein Vorwurf, es soll dies sein Lob sein. Es ist dies nichts Einseitiges. Nicht, als ob dies Buch aus den jüdischen Schulen etwa die mannigfachen Lesebücher (worunter wir daS „deutsche Lesebuch für mittlere Schulclaffen von A. Horwitz", Berlin, 1850, 326 S., als ein ganz vorzügliches, auf wahrhaft humanem, edlem, allseitig ansprechendem Standpunkte ste- 49 *