Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 47 (15.11.1858)
- Date
- 1858-11-15
- Page
- Seite 652 (sequence 12)
- Language
- German
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652 denn bei dem so tief gesunkenen Werth der Grundstücke würden nicht die Juden, sondern die Christen dadurch gefördert werden, ihre Realitäten würden durch die größere Concurrenz realer werden. Die Einsicht und die Überzeugung vielmehr sollten und müßten uns anspornen, unserm provisorischen Zustande ein Ende durch die Gnade unseres erhabenen Monarchen herbeizuführen, wie viel Segensreiches für die Vernunft und die sittliche Anlage des Menschen in den Belehrungen und Einflüssen liegt, welche er von dem Grundeigenthum und dem Landleben empfängt. — Traurig ist auch die Erschwerung, welche der kaiserlichen Verordnung vom 2. Oktober 1853 als Kommentar nachfolgte. Es wurde nämlich die Frage als zweifelhaft erachtet, ob jene Israeliten, die noch vor dem Tage der Kundmachung dieser kaiserlichen Verordnung ein unbewegliches Gut an sich gebracht haben, und sich im bücherlichen Besitz desselben befinden, dieses Gut wieder an einen Israeliten übertragen, vererben rc. können? oder ob eine Uebertragung eines solchen Gutes nur an einen Christen Platz greife? Die zweite Ansicht wurde durch die Beistimmung der höchsten Behörde sanctionirt. Wer ermißt den Schmerz, der den Besitzer eines redlich und rechtlich erworbenen Eigenthumes ergreifen muß, wenn er sich erinnert, daß eS seinen Kindern nicht als Erbtheil zufallen darf! — Im Uebrigen, besonders was Handwerk und Gewerbe, was Kunst und Wissenschaft betrifft, wird dem Juden Oesterreichs freier Spielraum gegönnt.*) *J Wenn wir aus der alten Geschichte der Juden eine Parallele suchen wollten, so könnten wir uns zu den jüdischen Bewohnern Alerandriens während der Zeit des zweiten Tempels vergleichen. Dort waren nach Succa 51b. Innungen jüdischer Gold - und Silberarbeiter, jüdischer Schmiede, Panzerschmiede unv Weber; jede Innung saß in der Synagoge besonders, damit der fremde Handwerker sogleich seine StandeSgenossen auffinden könne; aber von Agronomen ist dort keine Rede. So sind wir in allen Innungen zahlreich vertreten, nur vom Ackerbau werden wir provisorisch noch entfernt. Auch unsere Synagogen zeugen von der Ehre Israels, wie es von der Synagoge zu Alerandrien heisst: Wer nicht die Doppelballe von Alerandrien gesehen bat, hat niemals die Ehre Israels gesehen? Nur steht in den heutigen wie Basilicä stch erhebenden Tempeln die Bima nicht in der Mitte, weil sie nicht so gewaltig groß sind, daß darin zweimal so viel wären, als aus Mizraim kamen, daß ein Synagogendienet in der Mitte stehen müßte, um nach jeder Benedicrion mit einem Tuche in der Hand ein Zeichen zu Italien. Magdeburg, im November. Was wir von Anfang an nicht glaubten, nämlich daß der Papst in der Mortara'scheu Angelegenheit eine Note an die Höfe erlassen werde, wird jetzt von der „Patrie“ als unbegründet bezeichnet. Eben so wenig glauben wir, was jetzt andererseits berichtet wird, daß der Papst die Gesetze über die Taufe jüdischer Kinder verändern werde. Etwas von allem Diesem wäre vor zwei Monaten noch irgend wie möglich gewesen; nach den heftigen Debatten in den Pariser Blättern aber erscheint geben, Amen zu sagen. Mein verewigter Lehrer Moses Soser macht freilich die nicht ungegründete Bemerkung Chalam Sofer o. ch. 28, daß ja dann die Holzerhöhung nicht mehr in der Mitte der Synagoge Ale.randriens hätte stehen müssen, da der Synagogendiener ohnehin ein Zeichen geben mußte, wenn dies nicht von andern religiösen Motiven geboten und angeorvnet worden wäre; dann aber müßte man fragen, warum dies nicht von den andern Synagogen — Proseuchen — Aegyptens erzählt wird? es kann also nur die enorme Größe der alerandrinischen Basilika diese Einrichtung erheischt haben. Auch unsere Wissenschaft differin von der alerandrinischen. Wir lieben das ewige Allegoriflreu und Symbolisiren nicht. Von der Kanzel herab läßt sich das angenehm und wohlgefällig als Ohrenschmaus und WitzeSnahrung vernehmen, aber dem Ernste des forschenden Geistes ist das widerlich, und Zeitschriften, wo die Symbolatrie die Hauptrolle spielt, liest Einer und der Andere nur, wie man einen Roman liest. Die Symbolawie ist auch zu inconsequent, sie kann heute für die Bima in der Mitte, morgen für das Umgekehrte symbolisiren. — Weil ich mich heute einmal nach Alerandrien verirrte, so erlauben Sie mir, mir einer einschlägigen sprachlichen Bemerkung zu schließen. Herr Dr. Grätz, Gesch. 111. S. 33. sagt: „An der Spitze der alerandrinischen Juden stand ein mit fürstlichem Ansehen bekleideter Würdenträger, der den Tue! Ethnarch, Volkesürft, auch Alabarch, führte, welches letztere Wort noch nicht hinlänglich enträthselt ist." In der That ist die Ableitung dieses Wortes äußerst zweifelhaft. Spätere nichtjüdische Skribenten schrieben auch Arabarchen, daher Wesseling ihn für den Vorgesetzten des angrenzenden arabischen Bezirkes hält, der an ihn die Steuern senden mußte. Josephus schreibt aber durchweg Alabarch, unv Josephus mußte doch ihren Namen besser gekannt haben, als die spätern Skribenten. Ferner will Wesseling die Etymologie dieses Wortes mit akaßa, Kohle, Ruß, Tinte, erklären, wonach alabarch einen seripturae juiagistrum bedeute. Sehr weit hergeholt! Einfacher wäre die Erklärung des Wortes mit "-2"^ rp’rtf , Fürst der Regierung oder regierender Fürst. Ih. M. D uschak, Bez.-Rabbiner.