Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 47 (15.11.1858)
- Date
- 1858-11-15
- Page
- Seite 643 (sequence 3)
- Language
- German
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643 sonst in Unordnungen ausarten, denen der Fanatismus des Volkes die traurigsten Entwickelungen geben könnte. Unter den uns bekannt gewordenen Acten giebt es einige, die Ew. Ehrwürvm wissen muffen, andere find Ihnen vielleicht verborgen geblieben. Es sei uns gestattet, Herr Großrabbiner, vor Ihren Augen das Gesammtbild der Thatsachen zu entrollen, welche gebieterisch eine schnelle Lösung erheischen, entsprechend zugleich den Bedürfnissen der israelitischen Gemeinde, dem Willen der kaiserlichen Regierung und den berechtigten Anforderungen unserer Epoche. „Im Jahre 1854 beschloß ein Israelit aus Paris, Herr Albert Cohn, der den Orient bereist hatte, und der den Zustand der Erniedrigung, in dem die Israeliten in diesen Gegenden vegetiren, in Konstantinopel eine Schule nach der Methode des Abendlandes zu gründen. Vorsitzender des Comites des israelitischen Wohlthätigkeitsvereins zu Paris, hatte Herr Albert Cohn das Glück, einige seiner Freunde für seine Ideen zu gewinnen; es schloß.sich seinen Projecten ein junger französischer Rabbiner an, Herr Brunswick, der ohne Zaudern die schwierige Aufgabe übernahm, die man seinem Eifer anvertraute. Die Schule wurde zu Haß-keui gegründet, ohne Beisteuer der israelitischen Gemeinde, mit Bewilligung von Ew. Ehrwürden und den Ermuthigungen der hohen Pforte. Einige von dem absurdesten Fanatismus eingegebene Neclamationen erhoben sich im Anfang, das ist traurig, es sagen zu müssen; aber der Erfolg des Unternehmens erstickte sie bald. Der Director der Schule stiftete zugleich ein Werk des Fortschritts als auch der Humanität; seine ersten Zöglinge waren Kinder von Armen; er hatte deren fünfzig, die man unentgeltlich unterrichtete, kleidete und des Tages über beköstigte. Bald stellten sich auch andere Schüler ein: achtzig Kinder befanden sich durchschnittlich auf den Schulbänken. Außer der heiligen Schrift, die in hebräischer Sprache gelehrt wurde, wurde die türkische Sprache, Geschichte, Geographie, Realien und die französische Sprache gelehrt. Wir kommen zum Jahre 1856. Nach der Proclamation des Hatti-Humayun des 18. Februars wurden von einflußreichen Personen bei Ew. Ehrwürden Schritte gethan, um die Errichtung noch mehrerer Schulen zu erlangen; Sie nahmen diese Eröffnungen mit Ihrem gewohnten Wohlwollen auf. Im Monat März, also tn weniger als einem Monat nach dem wichtigen Datum des 18. Februar — da Ew. Ehrw. die hohe Wichtigkeit dieser Fragen einsah — beriefen Sie nach Ihrem Wohnsitz Orta-keul die Großrabbinen verschiedener Viertel, die Vorsteher der israelitischen Gemeinde und selbst mehrere israelitische Fremde; Sie bestimmten ohne Verzug die Errichtung mehrerer Primärschulen, die Umwandlung der Privatschule zu Haß-keui in eine Gemeindeschule, Sie decretirten, daß die Gemeinde zu den Kosten dieser Anstalten beizutragen hätte; und endlich ernannte man in selbiger Sitzung ein Comits, um die Beiträge zu den Schulen gleichmäßig zu repartiren, und ein Verwaltungscomit6, dessen ehrenhaften Vorfitz Ew. Ehrw. übernahmen. Hatten wir also nicht Recht, Herr Großrabbiner, wenn wir sagten, daß Diejenigen Sie verleumdeten, die Ihnen die Absicht beimaßen, die vortreffliche Schule zu Haß-keu'l mit dem Bann zu belegen, und zu schließen? Von diesem Augenblicke an betrat die Schule zu Haß-keui' einen Pfad des Gedeihens: ein zweiter französischer Rabbiner schenkte dem Director, der schon von zwei befähigten Rabbinen unterstützt wurde, seine Mitwirkung. Die Fortschritte der Kinder waren merklich; es läßt sich schwerlich eine so vollständige Vereinigung von fleißigen unv intelligenten Schülern finden. Die Familienväter begriffen vortrefflich die Nützlichkeit der Anstalt zu Haß-kew'; man schickte die Kinder aus den entferntesten Vierteln; jeden Tag, im Winter selbst, kamen sie von den bedeutendsten Entfernungen, von Balata, von der anderen Küste des Goldenen Horns, von Kuskundjuk und selbst von Arnaut-keul, inmitten deS Bosporus. Wo findet man einen befriedigenderen Aufschwung, eine Gesinnung, die den Wohlthaten des Unterrichts mehr entsprächen? (Schluß folgt.) Charakterfestigkeit. Unter dieser Aufschrift enthält daS „jüdische Volksblatt" folgenden beherzigenSwerthen Artikel: Wenn den Juden neuerer Zeit irgend Etwas fehlt, so ist es insonders die Charakterfestigkeit. Während es in alter Zeit keinen Stamm unv keine Glaubensgenoffenschaft gab, die so starr und unerschütterlich in allen ihren Bräuchen und Sitten war, wie unsere Väter, so sind deren Enkel in das gerade Gegen theil verfallen, all' ihre väterliche Gewohnheit verschmähen und verachten sie, während sie das Nichtjüvische mit Hast ergreifen und sich aneignen. Juden wollen sie sein unv bleiben, aber alles Jüdische abstreifen und mit dem Ntchljüdiscben kokettiren. Juden wollen sie sein und bleiben, aber aus ihrem Hause unv Leben soll alles Jüdische verbannt sein, und die Nachahmung und Annahme selbst Dessen, 47*