Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 46 (8.11.1858)
- Date
- 1858-11-08
- Page
- Seite 630 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3224737-3226093-3226140--17280-3246185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
630 und die Predigt der Wahrheit und des Rechts niemals verstummen. Literarischer Wochenbericht. Paris, im October. Histoire de l’Art Judaique, tirße des texles sacrds et profanes, par E. de Saulcy. 1858. (Geschichte der jüdischen Kunst, gezogen aus der heiligen Schrift unv profanen Werken.) Der Verfasser theilt die jüdische Kunstgeschichte in fünf Hauptperioden: eine Urzeit, charakrerisirt durch cyclopische Bauten, den keltischen Dolmen und Menhir ähnlich; die Zeit der Könige aus dem Stamme Davids (Verbindung der einheimischen Ueberlieferung mit phönizischen, assyrischen, ägyptischen Elementen zu einem nationalen Kunstflyl); drittens die Zeit der Restauration nach dem babylonischen Eril; viertens die Zeit der Makkabäer (die Makkabäergräber mit den sieben Pyramiden); endlich die Zeit Herodes' des Großen und seiner Nachfolger (Eindringen römischer und griechischer Elemente, die goldene Pforte rc.). Das Hauptgewicht fällt nach wie vor auf die Zeit der Könige, und hier sind es vor Allem die Reste des Salomonischen Tempelbaues und die sogenannten Königsgräber (Qbur-el-Moluk), nebst der langen Reihe der daran sich schließenden, zum Theil kolossalen Felsengräber, welche unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. In Bezug auf den Tempelbau scheinen vorzüglich drei Punkte zu berücksichtigen: einmal die traditionelle Gestaltung der Anlage, welche der Verfasser bereits an Monumenten aus der Urzeit erkannt haben will, und welche sich zuletzt bei den Tempelbauten von Garizim wiederholt; sodann die technische Behandlung der auf eigenthümliche Weise in einander gefugten Steinblöcke (taillßs en bossage); endlich jene Gewölbconstructionen, welche der Verfasser hier aufgefunden zu haben glaubt, und deren Statthaftigkeit im Anfang des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung er durch Hinweis auf die Entdeckungen in Chorfabad begründet. Von den Königsgräbern muß im Voraus bemerkt werden, daß auch heute noch kein directes Zeugniß irgend welcher Art über die Zeit der Entstehung derselben vorhanden ist. Die Untersuchung bleibt also des gänzlichen auf Bestimmung der Innern Merkmale des Baustylö und der Anlage verwiesen, und von Eigennamen und genauen geschichtlichen Daten, die mehr als hypothetische Geltung hätten, kann vor der Hand die Rede nicht sein. Folgende Punkte dürften hier hauptsächlich in Erwägung kommen: die Anlage der Gräber, obwohl im Einzelnen von allen bisher bekannten verschieden, erinnertim Großen und Ganzen an ägyptische Vorbilder, besonders durch die Form der unten erweiterten, oben mit vorgekröpftem Simswerk versehenen Thüren, wie sie auch in den etrurischen Felsenbauten von Castel d'Affo (richtiger Castellaccio) wiederkehren. Für die Pflanzenornamentik finden sich Vergleichspunkte bei den phönizischen, assyrischen und zum Theil wohl auch ägyptischen Denkmälern. Was aber zuerst am meisten Anstoß erregte, waren die bei den Königsgräbern rc. entdeckten Säulenstellungen ionischer und dorischer Ordnung, deren Vorkommen zu einer Zeit, welche weit hinter der Geschichte der griechischen Kunst zurückliegt, man sich lange nicht erklären konnte. Sie wurden deshalb einer späteren Periode zugeschrieben, wo griechische Bildungselemente bereits nach Asten vorgedrungen waren, auf demselben Wege, wie man auch die ionischen Säulenformen unter den Ruinen von Pasargada sich aus Griechenland übertragen dachte (Kugler, Geschichte der Baukunst, I. S. 100.). Diese Erklärungsversuche müssen aber fallen, nachdem sich, wie Herr de Saulcy richtig bemerkt, die Präcedentien einerseits bis ins zweite Jahrtausend v. Ehr. (ionische Capitäler unter den Ausgrabungen in Mniveh, s. Monuments de Khorsabad, par Mr. Botta, pl. 114), andererseits sogar bis ins dritte Jahrtausend hinauf verfolgen lassen (dorische Säulenstellungen in den Felsengräbern von Benihassan in Aegypten, s. Kugler, Geschichte d. Bank., I. S. 20.). Was ergiebt sich nun, fragen wir schließlich, als Endergebniß dieser Untersuchungen, wenn man sie von demunnöthigen Aufputz einer nach Namen begierigen Hypothesenmacherei entblößt? Unserer Ueberzeugung nach ist der Beweis geführt, daß eine ansehnliche Reihe altjüdischer Denkmäler gegenwärtig noch vorhanden ist, welche bestimmt sein dürften, dasjenige Capitel der allgemeinen Kunstgeschichte, das sonst gewöhnlich mit dem Bericht der Bibel über den Salomonischen Tempelbau abgethan wird, in nächster Zukunft um ein Bedeutendes zu erweitern und umzugestalten. Die Frage nach einem eigenthümlichen nationalen Kunststyl bleibt dabei jedenfalls künftigen Forschern zur Entscheidung Vorbehalten. Wenn aber Herr de Saulcy in seinem vorliegenden Buch, wie er sagt, keinen andern Zweck verfolgte, als die Widerlegung des Satzes: „L’Art Judaique n’existe pas; il n’a jamais existd“, („eine jüdische Kunst eristirt nicht, hat niemals eristirt"), so glauben wir unbedenklich, er hat den Streit gewonnen. (A. A. Z.)