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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-11-08 · Heft 46 (8.11.1858) · p. Seite 629

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 46 (8.11.1858)
Date
1858-11-08
Page
Seite 629 (sequence 3)
Language
German
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«29 gehoben und zur unbedingten Autorität gemacht werden — — wenn alle diese Momente und hundert andere, die hier alle weder aufgezählt werden können noch dürfen, zu gleicher Zeit austreten, und zwar theils mit der Miene, theils mit der Wirklichkeit unangefochtener Herrschaft; wenn dies Alles in einer Periode geschieht, welche den Skeplicismus, den Materialismus, den Atheismus vor Kurzem eben so nackt und unumwunden erscheinen sah; so wird man zugestehen muffen, daß die civilifirte Welt gegenwärtig das Bild eines wahren Chaos darbietet. Was erleben wir nicht für Complieationen sonderbarster Art im religiösen Leben! Was würde die Lebensgeschichte jedes aufmerksamen Beobachters zu erzählen haben, wenn er einige Jahrzehende nur aufmerksam um sich geschaut und die Erlebnisse verzeichnet hätte! Aber in diesem Gewühls streitender Elemente, in diesem Wirrsal der Richtungen und Erscheinungen muß uns um so mehr das Bewußtsein von der Nothwendigkeit des Judenthums aufgehen. Wenn wir hier von der Nothwendigkeit des Judenthums sprechen, so meinen wir nicht die Nothwendigkeit, welche das Judenthum für jeden seiner Bekenner in sich trägt. Diese versieht sich von selbst, und noch ist es in der Menschheit nicht so weit gekommen, daß eine große Masse derselben, unempfindlich für die zwingende Gewalt der Ueberzeugung, dieser treulos zuwiderhandle. Dazu gehört entweder ein Raffinement der Cultur, welches der Menge fern bleibt, oder eine Entsittlichung, die der Geradheit der Menschmnatur glücklicher Weise zu sehr widerspricht, als daß sie so leicht Raum gewinnen könnte. In der langen Geschichte des Judenthums finden wir nur einige wenige Beispiele, daß eine größere Anzahl Juden auf einmal, und zwar nur der grausamsten Verfolgung weichend, ihre Religion verlassen habe. Auch auf den Schluß wollen wir hier nicht hindeuten, daß überhaupt in der Geschichte der Menschheit jede große Erscheinung, welche dauernde Lebenskraft erwies, ihre Nothwendigkeit schon damit dargethan hat. Sondern wir meinen hier ganz bestimmt die Nothwendigkeit des Judenrhums inmitten der ganzen Menschheit und für diese. Wir haben es schon öfters ausgesprochen, daß das Judenthum seine Wesenheit und seinen Lebensmittelpunkt in der Uebereinstimmung der Vernunft, des Herzens und der Geschichte hat. Unsere Religion ist nicht ein solcher Deismus, welcher als das Erzeugniß irgend einer vorübergehenden Kulturstufe ein fragliches Dasein fristet, sondern ste ruhet auf dem Felsengrunde einer ununterbrochenen viertau sendjährigen Ueberlieferung. Ihr ist die Grundlage in der grauesten Vorzeit, und schon damals in ganzer Reinheit und Vollständigkeit gelegt worden; auf dieser Grundlage standen bauend und entwickelnd Geschlechter auf Geschlechter, immer geeinigt in demselben Bekenntniß derselben Lehren als ewiger Wahrheiten. Unsere Religion verwirft nicht die Vernunft des Menschengeistes; ste entwaffnet diesen Regulator aller unserer Vorstellungen, dieses Werkzeug aller unserer Begriffe und Urtheile nicht seiner Gültigkeit und Kraft da, wo er erst in seiner ganzen Glorie und Energie hervorzutreten und sich über das Gemeine und Gewöhnliche zu erheben hat. Von Moscheh an ruft das ächte Judenthum uns unablässig zu: „Prüfet und erkennet!^ Unsere Meligion ist aber auch die Religion des reinen, unverkünstelten Herzens. Wie sollte ste dies nicht sein, die anhebt mit den Geboten: „Liebe den Ewigen, Deinen Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen", „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", mit den Lehren: „Kinder seid Ihr dem Ewigen, Eurem Gotte", „Wie ein Vater seinen Sohn ziehet, so hat Er Dich gezogen", „Der Ewige, Gott, gnädig und barmherzig, langmüthig und voll unendlicher Huld und Treue."*) — In dieser Uebereinstimmung der Geschichte, d. i. des Glaubens, der Vernunft und des Herzens, hat die Religion Israels nicht allein ihre stählende Ueberzeugungskraft für ihre Bekenner, sondern war und ist sie die Mutter, die Pflegerin und Erhalterin aller reinen Gotteslehre und Gottesverehrung. Darum ist ste nicht allein die Wurzel, sondern auch der starke, mächtig aufsteigende Stamm aller Religiosität, von dem das vielästige Gezweig weitreichend hinausgeht, der aber für sich allein die sonnenbeschienene Krone trägt. Darin liegt die Nothwendigkeit des Judendenthums für alle Religionen und für alle religiöse Entwickelung in der Menschheit. Mögen die Wirren ringS um dasselbe noch so groß sein, mögen sich aus den verschiedenen Phasen und Weltverhältnissen des Menschengeschlechtes noch so vielfache und sonderbare Gestalten heraus erzeugen, bleibt das Judenthum in der Wesenheit seiner Lehre und seines religiös sittlichen Gesetzes aufrecht bestehen, so wird es niemals an einem Regulator fehlen, *) Wenn die Religion Israels Etwas von sich ablehnt, so ist es, daß sie, die an und für fich der Einbildungskraft nicht abhold ist, was aus der großartigen Poesie ihrer ältesten Schriften schon sich erweist, doch alles Gebahren einer heißen, wüsten, Vernunft und Herz überwuchernden Phantasie zurückweiset. 46*

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