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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-11-08 · Heft 46 (8.11.1858) · p. Seite 628

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 46 (8.11.1858)
Date
1858-11-08
Page
Seite 628 (sequence 2)
Language
German
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628 loren; die öffentliche Meinung wird durch die Schamlosigkeit neutralisirt, mit welcher selbst das Sinnloseste auftritt; Vernunft und Beweisführung werden verlacht, indem deren Gültigkeit von vorn herein geläugnet wird; Wahrheit und Recht sind nicht mehr vorhanden, weil Lüge und Trug mit namenloser Frechheit die Stirn erheben, und so geschieht es, daß unsere Zeit immer mehr ein solches Gemisch der verschiedenartigsten und zum großen Theile unsaubersten Elementen wird, daß nur trübe Ahnungen, bange Erwartungen die Seelen der Besseren und Edlen erfüllen können. Wir wissen sehr wohl, daß der Genius der Menschheit auch solche Zeiten überdauert, solche Uebel zerstreut, solche Finsternisse durchleuchtet, denn diese sind ja nicht neu und der Sieg jenes ward schon wiederholt erkämpft. Dem sorgfältigen Beobachter sind auch die Ursachen nicht ungewiß, aus denen all Dies gekommen. Aber diese Ueberzeuguug hebt doch nicht über eine traurige Zeit hinweg, die vor uns zu liegen scheint, und tröstet nicht über die furchtbaren Kämpfe, welche den kommenden Jahrzehenden bevorstehen. Eine schwere Schuld fällt zunächst auf die materielle Richtung unserer Zeit. Sie hat die Arbeit und Macht des Geistes zu gering angeschlagen; fie hat sich im Besitz Dessen geglaubt, was der Menschheit zu Nutz und Frommen gereicht; sie hat alles Andere für Hirngespinust erachtet, und selbst Wissenschaft und Kunst nur so weit geschätzt, als Technik und Industrie daraus Vvrtheil ziehen. Da hat fie denn ruhig alle Geistesverwirrung sich über den Kopf wachsen lassen und sieht fich nun selbst in Gefahr, von ihr in Fesseln geschlagen zu werden. Da ist es denn auch gekommen, daß die Wissenschaft selbst von ihrer Höhe gestiegen, und fich zur Magd weltlicher Vortheile erniedrigt hat; fie hat den Charakter der Selbstständigkeit, die Aufgabe freier Forschung, den Maßstab logischer und systematischer Consequenz und vor Allem die Tendenz, Ziel und Zweck nur in fich selbst zu finden, verloren. Daher ist es gekommen, daß die Wissenschaft nur einen sehr schwachen Widerstand leistete, als man ste „zur Umkehr" rief, als man fie wie einen Schulknaben züchtigte und maßregelte, als man fie gefährlich und verderblich schalt, als man ste endlich zur Unterstützung ihrer eigenen Gegner mißbrauchte. Sie wurde zu einem Arsenal erniedrigt, aus welchem man zu jedem beliebigen Gebrauche Waffen holen könne, Waffen, welche man zur Bekämpfung Dessen verwandte, wozu sie geschmiedet worden, Waffen, welche nicht mehr im Dienste der Menschheit, der Entwickelung und Geisteserleuchtung, sondern zu persönlichen Vortheilen und wenn es hoch kommt, zu Parteizwecken geführt werden. < Eine andere Schuld trägt die unglückselige.Ueberstürzung, welche auf allen menschlichen Gebieten eiKgetretsn. Der Fanatismus, welcher in früheren Zeiten nur iiftfem religiösen Bereiche gelebt und gewirkt hatte, durchraste alle Kreise des menschlichen Lebens. In der Politik ward dieser Fanatismus zur bodenlosen Anarchie, welche wiederum die absoluteste Reaction zurückrief; in der socialen Ordnung der menschlichen Gesellschaft zu den Hirngespinnsten des Socialismus und Communismus, welche ihrerseits wieder Geschmack am Feudalismus erwirkten; in der Forschung ward er zur Hyperkritik, welche in ihrer Zersetzungswuth nothwendig der unbedingten Autorität der Tradition wieder Bahn brach; in der Philosophie zum Materialismus, in der Religion zur Vernichtung aller Gemeinsamkeit in Ueberzeugung und Form, welche unabweislich in die Arme ihrer Gegensätze zurücktrieben; und selbst in der großen industriellen Welt griff diese Ueberstürzung als eine fanatische Speculationswuth Platz. Die Uebelstände, die hieraus erfolgten, mußten mehrfacher Art sein. Die Reaction fand nicht allein ihren Boden an sich, sondern, indem sie Alles identificirte, was ihr nicht zugehörte, und die erschreckte Welt jedweden Haltpunkt verloren hatte, konnte jene sich die Herrschaft aneignen, und niederwerfen, was ihr noch Widerstand leistete. In der That bietet die Gegenwart das Bild eines wahren Chaos an Erscheinungen und Richtungen. Wenn wir in Schweden ganze Kirchsprengel dem Herenglauben anheimfallen sehen, so daß Kinder und Greise mit gleicher Beharrlichkeit den höllischen Gelagen auf dem Blocksberge beigewohnt zu haben aussagen; wenn in Kopenhagen die Secte der Mormonen täglich an Zulauf gewinnt; wenn in Frankreich in schneller Aufeinanderfolge Wundererscheinungen Vorkommen, welche die Menge an fich ziehen; wenn an den Magistrat in Braunschweig der Antrag gestellt wird, die Bildsäule Lesfings von ihrem Standpunkte zu entfernen und zu zerschlagen; wenn in Württemberg die „Freunde Israels" zusammentreten, um in Syrien Colonien der „Heiligen" zu gründen; wenn der Confesfionalismus aller Orten auf das Schärfste accentuirt und zu einer Macht erhoben wird, welche alle Verhältnisse des Lebens bewältigen und durchdringen, welche den Staat sich unterwerfen und die Menschen clasfificiren soll, so daß fie überall die Bedingung auch der weltlichen Stellung und Vortheile sein müsse; wenn in den verschiedenen Confesfionen die ältesten Dogmen als die das religiöse Leben beherrschenden hervor-

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