Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 44 (25.10.1858)
- Date
- 1858-10-25
- Page
- Seite 607 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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607 erwarb sich, nach dem Tode seiner Eltern auf sich selbst angewiesen, auch eine genauere Kenntniß der deutschen Sprache, und nachdem er einige Jahre in einem Handlungshause zugebracht, gelang es ihm im Jahre 1820, eine Anstellung als städtischer Bezirksaufseher zu erhalten, in welcher er bis zu seinem Tode, der am 3ten vorigen Monats erfolgte, verblieb. Von seinem kärglichen Gehalte alö lediger Mann hinreichend versorgt, widmete er feine Mußestunden oft selbst mit Aufopferung seiner Ruhe der schönen Aufgabe, die er sich gesetzt hatte. Der Fortschritt seiner Glaubensbrüder in geistiger und moralischer Hinsicht, die Abhülfe ihrer Leiden, in welcher Gestalt sie immer auftreten mochten, um mich kurz zu fassen: das Wohl der Gemeinde, der er schon durch Geburt angehörte, war der Zweck, den er mit dem Aufgebot aller seiner Kräfte erstrebte. Und wahrlich, sein Wirken war kein erfolgloses! Bedenkt man den Zustand der Lemberger Judenheit zu jener Zeit, wo die starrste Orthodorie fast ohne Widerstand die Herrschaft behauptete und nur der eine Grundsatz der maßgebende war, am Alten, Herkömmlichen, ob es auch der ältesten Zeit angehörte, mit Treue festzuhalten, so ist der Muth dieses Mannes, der es wagte, seine Meinung offen und ohne Scheu auszusprechen, wahrhaft zu bewundern. Denn unverzagt erhob er seine Stimme im Kreise jener Mächtigen und Vielvermögenden, die über die Geschicke der Gemeinde zu entscheiden hatten, und plaidirte für die Erziehung der Jugend, für die Nothwendigkeit einer ideellen Thätigkeit gegenüber dem allgemeinen, wenn auch sogenannten gelehrten Müssiggange. Deutsche Bildung und einen achtbaren Handwerksstand bei den Israeliten erklärte er nicht nur als Grundbedingung ihrer inneren Entwickelung, sondern auch als die einzige Möglichkeit, von den hohen Behörden eine günstige Umgestaltung der Lage ihrer Mitbrüder zu erlangen. Und wenn auch der Eindruck im Allgemeinen nur ein geringer war, sein Streben war kein gänzlich verfehltes. Der gesunde Verstand in mancher ärmlichen Hütte erkannte die tiefe Bedeutung dieser freundlichen Mahnung, und nicht wenige Kinder verdankten es dem unermüdlichen Drängen Zippers, daß ihre orthodoren Eltern sie einem achtbaren Handwerke widmeten, viele andere, daß sie in den christlichen Schulen Aufnahme und Unterricht fanden. Doch erst im Jahre 1843, als auf hohen Befehl die israelitische Gemeinde einen Vorstand, von den Behörden gewählt, erhielt, welcher die Interessen der Bildung vertrat, erst seit jener Zeit begann Zipper für seine Thätigkeit daS rechte Terrain zu gewinnen. Hatte er früher nur auf den Einzelnen, und so erst durch den Theil auf das Ganze wirken können, so war jetzt das Wohl der Gesammtheit das Ziel seines segensreichen Strebens. Sein erstes Werk war die Reformirung der Talmud Thora. Dieses altehrwürdige, schon durch die Zeit geheiligte Institut war durch die krasse Obscuranz und Ignoranz seiner Leiter damals so tief gesunken, daß eö eine wahre Pflanzschule der Dummheit und des Lasters war. Den Leitern genügte es, wenn die Zöglinge nothdürftig Hebräisch lesen konnten, an sittlicher und moralischer Ausbildung derselben war ihnen eben so wenig wie an ihrer leiblichen Pflege gelegen. Z i p - per sah die Nothwendigkeit ein, mit der Umstaltung dieser sogenannten Schule den Anfang zu machen und erreichte auch, vom intelligenten Vorstande unterstützt, bald seinen Zweck. Statt deö dumpfen, kerkerähnlichen Locales ward für eine geräumige, helle und gesunde Räumlichkeit gesorgt, von jetzt an Unterricht im Deutsch Lesen und Schreiben ertheilt und eine strenge Aufsicht über das Leben der Zöglinge geführt. Das war aber diesem Manne nicht genug, auch für die äußere Erscheinung mußte Sorge getragen werden. Er allein unterzog sich der schwierigen Aufgabe, und durch eine mühevolle Sammlung brachte er so viel zusammen, daß er 200 Kinder jährlich vollständig mit der nöthigen Kleidung versah, während den ärmsten alltäglich die Mittagskost verabreicht wurde. Die deutschisraelitische Gemeinde war jetzt schon so zahlreich, daß sie einen Tempel benöthigte. Sammlungen in derselben sollten die nöthige Summe aufbringen, doch würden die allein bei Weitem nicht hingereicht haben, ein Gebäude herzustellen, dessen Ausbau und innere Einrichtung 50-^-60,000 Fl. erforderten. Da war eö wieder Zipper, der im Verlaufe weniger Jahre aus mildthätigen Gaben, die er bei Einheimischen wie Fremden, bei freudigen wie traurigen Ereignissen durch sein Bitten und seine Ueberredungskunst erhielt, so bedeutende Summen zusammenbrachte, daß nicht bloS der Anfang und das Fortschreiten des Baues ermöglicht wurden, sondern auch die Mittel gewonnen waren, ein Waisenhaus und eineKleinkinderbewahranftalt ins Leben zu rufen. Zipper darf mit Recht der alleinige Gründer und Erhalter dieser beiden letzten Anstalten genannt werden. Denn die monatlichen Beiträge, zu denen sich einzelne Fa- 44