Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 44 (25.10.1858)
- Date
- 1858-10-25
- Page
- Seite 606 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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606 Breslau ist jetzt schon sehr lange nichts mehr gehört worden. Sollte die Sache etwa wieder eingeschlafen sein? Während der heiligen Feste, die uns so nahe bevorstehen, wird jedenfalls das Bedürfniß einer großen Synagoge wieder sehr stark gefühlt werden. — Das Feuilleton der „Breslauer Zeitung" hat in den letzten Monaten häufig aus dem vom „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur" herausgegebenen Frankl'schen Reisewerk „Nach Jerusalem" Auszüge gebracht. Gewiß haben dies auch schon andere Zeitungen gethan. Von der Breslauer Zeitung sind indeß auch schon manche besondere Berichte über das „Institut" geliefert worden. Aus einem derselben (in No. 363. enthaltenen) — welcher alle die Schriften aufzählt, die das „Institut" von seiner Gründung an bis jetzt herausgegeben — entnehmen wir folgende Schlußworte: „Die Vortheile eines Instituts, das in drei Jahren eine solche Fülle gediegener Lileraturwerke veröffentlicht, liegen klar zu Tage, wenn man überdies erwägt, daß die Theilnehmer alle diese Sachen für den jährlichen Beitrag von 2 Thalern erhalten. Außerdem hat der Verein noch eine Anzahl wissenschaftlicher Werke subvcntionirt, so daß sie den Mitgliedern zu ermäßigten Preisen abgelaffen werden. Es bedarf also keiner weiteren Aufmunterung, um das Institut fernerer Unterstützung zu empfehlen." — Das „Jahrbuch" des Liebermann'schen Volkskalenders auf 5619 enthält Arbeiten von Geiger, Meisel, Landsberger (in Posen), Deutsch (in Sohrau, Oberschlesien), u. A. m.; eine sehr interessante Novelle von S. K. („Der Kadisch vor Kol-Nidre in der Altneusynagoge von Prag"), Auszüge aus „Geiger's Album", statistische Notizen über die jüdische Bevölkerung Preußens, resp. Schlesiens und ausführliche Berichte über die Gemeinden von Breslau und Gleiwitz. — Im katholischen Gymnasium zu Oppeln haben sich im eben abgelaufenen Schuljahre unter 410 Zöglingen 57 Juden befunden, denen vom Herrn Rabbiner vr. Wiener der Religionsunterricht ertheilt worden. Österreichischer Kaiserstaat. Lemberg, 14. Octobcr. Ein Edler in Israel. (Nekrolog.) Seitdem das israelitische Volk vom großen politischen Schauplatze abgetreten, seitdem eS seine staatliche Existenz verloren hat, kann es natürlich auch keine großen Staatsmänner oder Helden aufweisen, da ihm das öffentliche Leben fehlt; aber vom Gebiete der Diplomatie, vom blutigen Schlachtfelde hat es sich in die stilleren Kreise der Kunst und Wissenschafl zurückgezogen, woselbst es als siegreicher Kämpe seinen Gegnern noch immer ehrenvoll das Gleichgewicht hält. Wie aber in dem Leben eines einzelnen Individuums, so ist es auch in dem eines ganzen Volkes der Fall. Je mehr in den äußeren Verhältnissen eines Menschen eine Stockung eintritt, desto mehr zieht er sich nach Innen zurück und findet hier die Ruhe und das Glück, welche er im lauten Getriebe der Welt vermißt. Ein Gleiches findet bei unserem Volke statt. In seinen Rechten gekränkt und zurückgesetzt, mit Spott und Verachtung behandelt, und vom Fanatismus ewig gehetzt, hat es im engen Familienkreise und dem erweiterten der Gemeinde sich seine Welt gegründet. Diese Concentration nach Innen hat den dem Juden schon angeborenen Wohlthätigkeitssinn geschärft, und selbst die größten Feinde des Judenthums mußten demselben Das wenigstens zugcstehen, bei keiner Nation fei das Familienleben in solcher Blüthe, der Wohlthätigkeitssinn in so hoher Potenz zu finden. Doch sind die einzelnen israelitischen Gemeinden nicht isolirt, denn wie durch unsichtbare Bande sind dieselben eng miteinander verbunden, zu einem Stamme und Glaubensbekenntnisse vereinigt, sie bilden gleichsam die Glieder eines und desselben Organismus, und trotz räumlicher Entfernung, trotz der Verschiedenheit der Sprachen und Gewohnheiten, trotz des verschiedenen Grades der Cultur, auf dem sie stehen, bringe jedes freudige Ereigniß oder jeder schwere Verlust in der einen Gemeinde eine nachhaltige Wirkung in allen übrigen hervor. Daher ist Nichts im Judenthume von loealer Bedeutung, und daher gehört auch dieser Mann, dessen Leben und Wirken zu beschreiben der Zweck dieser Zeilen ist, keineswegs bloS der Gemeinde an, die sich der Früchte seines gesegneten Schaffens erfreut, sondern dem ganzen Judenthume, für daS er gelebt und gewirkt. Zuerst will ich über das äußere Leben dieses merkwürdigen Mannes einige kurze Andeutungen geben, die gerade durch ihren grellen Gegensatz seiner äußeren dürftigen Stellung und der mächtigen Fülle seines inneren reichen Gefühlslebens die Resultate seiner Wirksamkeit um so bedeutender hervorheben. Hersch Zipper ward im Jahre 1796 geboren, erhielt eine den Verhältnissen jener Zeit entsprechende Erziehung,