Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 44 (25.10.1858)
- Date
- 1858-10-25
- Page
- Seite 602 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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602 tutionnel bespricht heute endlich auch die Affaire Mortara. Er kündigt an, daß die französische Regierung Partei für Mortara genommen und dem päpstlichen Hofe Vorstellungen hat machen lassen. Nach dem Artikel des Constilutionnel zu urteilen, find die französischen Vorstellungen, die man in dieser Angelegenheit in Rom machte, übrigens bis jetzt ohne großen Erfolg geblieben. —. Nach dem Jewish Chronicle fand am Montag in der Bevis-marks-Synagoge ein jüdisches Meeting unter dem Vorsitze Sir Moses Montefiore in Sachen Mortara's statt. Das Mortara-Specialcomird stattete durch seinen Secretär Bericht über alle bis jetzt in dieser Angelegenheit geschehenen Schritte ab. Nach der Correspondenz mit dem auswärtigen Amt erklärte Lord Malmesbury, daß er die Wichtigkeit des Falles für die protestantische Welt und das Princip der Glaubensfreiheit überhaupt lebhaft empfinde, und daß die englische Regierung mit der französischen cvoperiren werde, um die Herausgabe des geraubten Kindes zu erwirken. Eine Petition des Pariser Confistoriums wurde vom Kaiser Napoleon sehr günstig ausgenommen. Fast die ganze englische Presse, darunter auch einige theologische Blätter, entsprach dem Aufruf des Comit6s und regte fich in der Sache mit edlem Eifer. Abzüge des Berichts über das erste Meeting wurden allen Journalen, und eben so allen römisch - katholischen Geistlichen des Königreichs zugeschickt; einige katholische Priester freilich hatten die Abzüge theils verunreinigt, theils halb verbrannt zurückgesandt. Endlich verlas der Secretär Briefe aus Italien, welche die Bestürzung schildern, die unter den jüdischen Gemeinden des Kirchenstaats herrscht; im Ghetto von Rom waren Gebete angeordnet, den Schutz des Allmächtigen gegen die Bedrückung des Santo Ufstcio anzurufen. Das Meeting beschloß, den Erfolg der Verwendung der Westmächte abzuwarten und die früher beschlossene Sendung einer Deputation an den Papst so wie die beabsichtigte Erlassung eines Aufrufs an alle europäischen Mächte zu verschieben. Mr. Harris und Mr. Alderman Phillips beantragten ein Dankvotum für Sir Culling Eardley und Mr. H. Drummond; Ersterer (Earvley) hatte den Beistand der evangelischen Partei zugesagt und Mr. Drummond machte sich anheischig, den Gegenstand vor das Unterhaus zu bringen. Nach einstimmiger Annahme des Dankvotums ging das Meeting auseinander. Die Augsb. Al lg. Zeitg. schreibt in ihrer letzten Nummer Folgendes: Das Ungeschick, mit welchem der „Univers" die Behörden von Bologna in dem Streit über den Mortara'- schen Kinderraub vertheivigt, bietet den D6bats ausgiebige Gelegenheit, den Univers an den Pranger zu stellen. — Die kanonischen Bestimmungen werden von dem klerikalen Blatt nicht minder unglücklich angezogen. Die Dübats weisen nach, daß sie in diesem Fall im grellsten Widerspruch mit dem Sittengesetz stehen; das besonnenste Blatt Frankreichs nennt sie ,,un anaebronisme, eomme 1'o6uvr6 de ces siücles barbares oü Tintolörance et le fanatisme appesanlissaient le niveau de leur tyrannie sur tous les esprits et sur toutes les conscienses, oü les juifs etaient mis hors la loi dans toute l’Europe.“ —. Die „D. A. 3-" und nach ihr andere deutsche Blätter, z. B. die „Magdeb. Zeitg.", theilen auszugsweise unsre Adresse an den Papst mit, aber in so verstümmelter Weise, daß zum Theil das Verständniß unmöglich, und daß wir gegen solche Mittheilung protestiren müssen. Literarischer Wochenbericht. Magdeburg, im October. Wir haben eine eben so theure als schwierige Pflicht zu erfüllen. Seit Monden haben sich bei dem Redacteur dieser Zeitung so viele Umstände und Arbeiten eingefunden, daß er den Erzeugnissen unserer Literatur nur eine oberflächliche Aufmerksamkeit schenken konnte, und es hat sich dadurch eine so große Menge beachtenswerther Schriften gehäuft, daß das Referat über dieselben nicht länger anstehen darf. Wir werden daher in den nächsten Wochen gerade hieran fleißig arbeiten, um unsrer Pflicht gegen Publikum und Autoren zu genügen. Vor uns liegt die „zweite vermehrte und theilweise umgearbeitete Ausgabe von: Die Philonische Philosophie, in ihren Hauptmomenten dargestellt von Dr. M. Wolfs, Rabbiner der israelitischen Gemeinde zu Gothenburg. Gothenburg 1858." Wir haben uns schon über die erste, 1849 erschienene Ausgabe dieser Schrift in anerkennendster Weise zu äußern gehabt, und sehen mit Befriedigung, daß der Verfasser bei nochmaliger Prüfung und Durcharbeitung seiner Ansichten auf der betretenen Bahn fortgeschritten und zu bleibenden Resultaten gelangt ist. Möge von diesem Standpunkte aus noch recht Vieles geschehen, um Philo auch für einen größeren Kreis diejenige Stelle in der Entwickelungsgeschichte des Judenthums zu erobern, die ihm gebührt. Wir unterschreiben die von Dr. Wolfs