Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 44 (25.10.1858)
- Date
- 1858-10-25
- Page
- Seite 601 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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601 OrLhodorie in der Judenheit zur Herrschaft zu verhelfen; es ist dies die klägliche Petition,-die in der letzten Session unter falschem Namen von den Ertremen den Häusern infinuirt wurde, ein ihörichtes Zeugniß ihrer Ohnmacht; Niemand trat ihr entgegen, Niemand beachtete sie. Ist dies der momentane Standpunkt, so können wir uns glücklich preisen, daß unsre Sache gänzlich mit der der beschworenen Verfassung identisch ist. Wir haben außerhalb derselben nichts zu wünschen, nichts zu erstreben. Wir haben also kein anderes Ziel, als das jedes wahren Patrioten, ein Ziel, zu welchem alle politischen Parteien und Richtungen, mit Ausnahme des: beiden extremsten, sich offen und aufrichtig bekennen können. Wird die Verfassung ihrem Geiste und Wortlaute nach zu einer Wahr-! heit, so sind wir völlig befriedigt. Es ist also nichts Neues, nichts über das Bestehende und Rechtsgültige Hinausgehendes, was wir zu erstreben haben. Zn uns ist daher der Preuße und der Jude in völligem Einklang. Richten wir nun unfern Blick auf die bevorstehenden Wahlen, so ist hiermit auch die Richtschnur bezeichnet, welche einzuhalten für uns eine theure Psticht ist. Um Preußen vor dem Abgrunde der Neaction und der Revolution — denn die Eine stürzte ohnfehlbar immer in die Andere — auf Jahrhunderte zu schützen, ist nichts weiter nöthig, als daß die Verfassung zu unbedingter Gültigkeit komme. Daß sich auf ihr ein eben so mächtiges, ein eben so stabiles Preußen, wie England auf der seinigen, heranbilden und aufbauen könne, wer wollte dies bezweifelnd Es kommt hierbei Alles darauf an, daß die Zeit ihre Sanction darüber breite, d. h. daß die Verfassung so in das Leben aller Schichten des Volkes hineinwachse r daß keine Macht und Gewalt sie herauszureifien vermag, daß sich gar keine Werkzeuge mehr finden, welche irgend einem Gelüste, sie anzutasten, dienen würden. Jeder aufrichtige Preuße wird daher bei den Wahlen nur solchen Männern als Wahlmännern und dann als Abgeordneten seine Stimme geben, welche energisch die Durchführung der Verfassung als ihr leitendes Princip anerkennen. In einigen Theilen des Vaterlandes haben sich bereits Männer von anerkanntem Charakter deshalb vereinigt, und in ihr Wahlprogramm „8. Ausführung des §. 12. der Verfassung: „Der Genuß der bürgerlichen Rechte ist unabhängig von dem religiösen B e ken n t n i sse" ausdrücklich ausgenommen. Dennoch müssen wir Juden noch weiter gehen. Mit solcher allgemeinen Phrase ist uns nicht gedient. Es müssen die Uebelstände, die auf uns gewälzt worden sind, mit Sachkenntniß und energischem Eifer zur Sprache gebracht werden. Die Juden müssen einen Wortführer im Abgeordnetenhause haben, und es ist dies um so nothwendiger, als unsre Verhältnisse jedenfalls, wenn auch nicht in der ersten, doch in einer der nächsten Sessionen des neugewählten Abgeordnetenhauses Vorkommen werden. Wir wiederholen daher, was wir in diesen Blättern schon vor Monaten ausgesprochen: die Juden müssen da, wo sie durch eine dichte Bevölkerung jüdischer Consession Einfluß auf die Wahlen haben, einen Juden von entschiedenem Charakter zu wählen streben. Wir erinnern an das banale, aber doch wahre Wort: daß einem Volke nur begegnet, was es verdient. Der Mangel an Charakter hat den modernen Juden schon Unsägliches geschadet; mag es Diesmal nicht wiederum der Fall sein. Dic Angelegenheit in Aologna. Wie der Ind£pendance beige geschrieben wird, hat Frankreich endlich eine Note an die päpstliche Negierung gerichtet, worin in sehr gemäßigter Sprache gebeten wird, die römische Curie möge doch die moralischen Folgen wohl erwägen, welche im 19. Jahrhunderte die Gewaltthat, die in Bologna an der israelitischen Familie Mortara begangen worden, für das Papstthum haben könnte. —. Die öffentlichen Blätter enthalten jetzt viele Details über die Vorgänge in Bologna, die nicht immer aus reinen Quellen geflossen, und deren Vestäligung wir erst abwarten müssen, bevor wir sie mittheilen. Jedenfalls beweisen sie, daß die Saat schon ihre Frucht trägt, und daß die Welt beginnt, das Schrecklichste Denen zuzumuthen, welche den unglücklichen (Eitern ihr Kind entrissen haben. Folgende Geschichte wird unter Andern: aus Frankreich berichtet: Dem Sohne eines jüdischen Reisenden aus Frankreich wurde hier heimlich und aus Schabernack von einem katholischen Bedienten Weihwasser auf den Kopf gegossen und er lies nun herum und rief, der Knabe sei getauft. Der Vater sah Unannehmlichkeiten voraus, stieg in einen Reisewagen und eilte nach Civita Vecchia. Die Häscher des Generalvicariats holten ihn ein und wollten den Knaben. Doch er zog zwei Doppelpistolen und durch Dazwischenkunft einiger französischer Officiere wurde er von den Sbirren befreit und entkam nach Marseille. Aus Paris schreibt man: Der halbamtliche Consti- 44*