Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 44 (25.10.1858)
- Date
- 1858-10-25
- Page
- Seite 600 (sequence 2)
- Language
- German
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600 Aber so wie die Uebergriffe der ersteren dieser ein Ende bereiteten, so hat die Maßlosigkeit der Reaetiou den fast gänzlich geschwundenen Liberalismus selbst wieder geweckt, genährt, großgezogen. Und so tritt er denn heute wieder wie eine Notwendigkeit siegreich in die politische Laufbahn ein. Vergebens hat die Reaction 10 Jahre lang den Liberalismus für gleichbedeutend mit der Revolution ausgeschrien; ihr gewalttätiges Zurückschrauben der Welt um Jahrhunderte, ihr fanatisches Verfolgen der einseitigsten Parteizwecke, ihre Unfähigkeit dabei, die Gesellschaft vor Zerwürfnissen und Krisen der verderblichsten Art zu schützen, die Mittel der Ungerechtigkeit und Tücke, die sie anwandte, überführten die Welt, daß Revolution und Reaction die beiden rohen Gegensätze, und der Liberalismus, d. h. die organische Entwickelung nach den Bedürfnissen und der Entfaltung des Geistes von ihnen beiden verschieden sei. Mit dem Augenblicke, wo die Wahlen freigegeben werden, d. h. wo auf gesetzlichem Wege und unter den gesetzlichen Bedingungen die Ueberzeugung und das Leben des Volkes in den Wahlen sich kundgebe, ohne daß irgend von Seiten der Machthaber Verlockung und Einschüchterung, künstliche Vertheilung der Wahlbezirke und persönliche Einwirkung versucht und geübt werden, von diesem Augenblicke an ist der Liberalismus Seitens der Staatsregierung selbst als berechtigt anerkannt,, und die Aechtung und Brandmarkung, mit welcher er von oben herab belegt worden, aufgehoben. Dies ist im Allgemeinen die Tendenz, welche sich bis jetzt, und zwar in dem einzigen Acte der Freigebung der Wahlen kundgethan hat. Was die Preußen jüdischen Glaubens betrifft, so ist in diesen Blättern häufig genug besprochen worden, was die Reaction uns zu thun gewollt und versucht hat. Sie nahm keine Rücksicht darauf, daß sich keine kleine Anzahl Juden aufrichtig ihr angeschlossen hatte, und konnte ihrem Geiste nach nicht darauf Rücksicht nehmen. Ihr Ziel war, die Juden aus der bürgerlichen Welt wieder auszuscheiden, und sie auch in materiellen Beziehungen wieder in das Ghetto zu sperren. In der feudalistischen Gliederung, die sie wieder Herstellen wollte, war einmal für die Juden kein anderer Platz, als der einer äußersten Ausschließung. Im Anfang war es daher das erste Geschäft, die Welt wieder gegen die Juden zu fanatisiren. Ein allgemeiner Haß gegen die Juden sollte wieder die Adern des Volkes durchströmen, und man scheute nicht, Plünderung und Blutbad in Aussicht zu stellen, um Wuth und Pöbelaufstand gegen die Juden herbeizuführen. Das Manöver mißlang; erstens, weil die Reaction gar keine wirklichen Mittel besaß, um auf das Volk zu influiren; zweitens, weil das Volk viel zu consequent ist, um in der kürzesten Zeit Die zu verfolgen, welche es so eben brüderlich in seinen Schoß ausgenommen, und endlich, weil sich solche Dinge in der That nicht künstlich erregen lassen. Der plumpe Aufruf Hütte nirgends eine Folge. Man versuchte es daher, die Inden auf gesetzgeberischem Wege aus der von ihnen gewonnenen Stellung zurückzudrängeu. Die Verfassung sprach zwar zu deutlich, und die Verfassung war einmal beschworen. So umging man sie, und machte das frühere Judengesetz von 1847 als noch zu Recht bestehend, geltend. Aber dieses Verfahren brachte nur kleinliche Resultate hervor. Denn der Ausschluß bald von der juristischen Caniöre, balv vom Lehrerfache, bald vom Baufache verletzte mehr, als es Wunden schlug; denn es war den Juden noch zu wenig vergönnt gewesen, Vortheile aus einer günstigeren Gesetzgebung zu ziehen, als daß ihnen aus jenen Ausschließungen große, fühlbare Nachtheile erwachsen wären. Man wollte daher einen Schritt weiter gehen und die betreffenden Paragraphen aus der Verfassung selbst entfernen. Hier war es, wo die Juden, immer auf dem gesetzlichen Wege, sich zu einem energischen Widerstande erhoben. Alle Gemeinden des Landes warfen sich offen und kräftig dem Feinde entgegen, und hieran scheiterten die Gegner. Hiezu kam, daß doch große Partien der reactionären Partei selbst, die Minderentschiedenen, fühlten, daß sie damit der ertremen Partei eine Ruthe in die Hanv geben würden, welche zuletzt auf ihren eigenen drücken fallen müßte. Der Antrag fiel, ohne im Hause selbst zur Erörterung gekommen zu sein. Der Commissionsbericht schon, von Herrn von Gerlach ausgcarbeitet, drückte sich selbst zu Tode. Es gab damals Etliche, welche diesen Sieg unterschätzten, weil damit jene ministeriellen willkürlichen Ausschließungen nicht beseitigt wurden. Allein wer steht jetzt nicht ein, um wie viel schwieriger es sein würde, einen Paragraphen der Gleichberechtigung wieder in die Verfassung zu bringen, wenn er damals gestrichen worden wäre, als nunmehr auf die Bethätigung desselben zu dringen? Und wer kann berechnen, aus welche Weise die Reaction, wenn sie gesiegt hätte, dies ausgebeutet haben würde? Nach dieser Niederlage, welche eigentlich der erste Wendepunkt in der Herrschaft der Reaction war, machten die Ertremen nur noch einen Versuch, und zwar diesmal in die inneren Cultusangelegenheiten der Gemeinden sich hineinzuwerfen, und einer, in der That von Niemandem mehr in Preußen getragenen äußersten