Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 43 (18.10.1858)
- Date
- 1858-10-18
- Page
- Seite 594 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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594 men, noch hier und da im Elsaß sich Auswüchse des Fanatismus zeigen, so tritt das LandeSgesetz doch denselben entgegen. DaS Princip der Gleichberechtigung ist hier so festgewurzelt, daß keine der Regierungsveränderungen, die seit der großen Revolution vorgingen, es anzutasten wagte. Ein Spiegel für viele deutsche Regierungen, die das Heil ihrer Staaten in der Zurücksetzung der Juden zu erreichen denken und dieselben gern zu einer Pariasclasse herabstempelten! Bemerkt man als Deutscher hier den scharfen Contrast zwischen den Gesetzen des großen Frankreichs und denen unserer deutschen Staaten, wahrlich! bittere Gefühle bemächtigen sich unser und drohen jeden Patriotismus zu verdrängen! Die hiesige israelitische Gemeinde, aus circa 160 Familien bestehend, macht beinahe die Hälfte der Einwohner des Ortes aus. Diese Zahl wäre noch einmal so groß, wenn nicht Viele in der angrenzenden Schweiz, wo sie als französische Bürger einen temporären Aufenthalt haben, sich niedergelassen hätten. Handel, Gewerbe und Ackerbau bilden ihre Beschäftigung. Für die beiden Grundpfeiler des Judenthums, Gottesdienst und Unterricht, ist hinlänglich Sorge getragen. Die Synagoge wurde im Laufe dieses Sommers prachtvoll renovirt und am Samstag vor acht Tagen feierlich eingeweiht. Der Herr Grand- Rabbin Klein von Colmar und der hiesige Herr Rabbiner Nordmann hielten am Freitag Abend die Einweihungsreden, worin sie den Zweck des Gotteshauses in eindringlicher Sprache darthaten. Es wäre zu wünschen, daß diese gediegenen Predigten, denen allgemeiner Beifall zu Theil wurde,, durch den Druck einem größeren Publikum zugänglich gemacht würden. Des andern Tages nach dem r^nw-Gebete erfreuten der Herr Grand-Rabbin so wie Herr L. Nordmann, Neffe des hiesigen Herrn Rabbinen und Zögling der Metzer Ecole Rabbinique, der hier zum ersten Male öffentlich als Redner auftrat, die Zuhörer mit noch zwei gehaltvollen Vorträgen. Zur Verherrlichung der Feier trug der schon lange bestehende hiesige Männergesangverein mit Beihülfe einiger Schulkinder, unter der Leitung deS französischen Lehrers, Herrn Isaak, durch seine meisterhaft ausgeführten Gesänge, sowohl von Sulzer aus Wien, als auch von Naumbourg aus Paris, das Seinige bei. Eö herrscht hier viel Anlage zu Musik und Gesang; in mancher großen Stadt ist nicht so leicht ein Synagogenchor zu bilden, als hier. ES wäre daher sehr schade, wenn derselbe nicht sortbestehen würde und spreche ich den Wunsch aus, daß alle Diejenigen, die von der Natur dazu begabt sind, auch in der Folge ihre Mitwirkung nicht versagen möchten. ES freut mich nur, aussprechen zu können, daß man hier den religiösen Interessen volle Aufmerksamkeit schenkt. Die bedeutendsten jüdischen Zeitblätter werden gelesen, z. B. Ihre geschätzte Zeitung, Volksblatt, Archives, Uni>ers isr., Lien d’Israel u. s. w.; auch betheiligt man sich an den sonstigen Erscheinungen der jüdischen Literatur; in dem Abonnentenverzeichniß der Förderer des jüdischen Literaturvereins nimmt Hegenheim vermittelst der Bemühungen deS hiesigen Herrn Rabbiners einen ehrenvollen Platz ein; auch trifft man hier mehrere Exemplare von Ihrem Bibelwerk und dem von Herrheimer an. Ja, man kann behaupten, daß die hiesige Gemeinde mehr zur Verbreitung der jüdischen Literatur beiträgt, als in Deutschland ganze Staaten. — Die hiesige israelitische Schule, vor ungefähr 30 Jahren gegründet, steht unter der Aufsicht des Herrn Rabbiners. ES werden in derselben daS Französische, Deutsche und Hebräische von drei Lehrern unterrichtet. Man sieht den wohlthätigen Einfluß, den die konfessionelle Trennung hat, da'dadurch die Kenntniß der Religion weit mehr gefördert wird, als an den Orten, wo die Kinder die christliche Elementarschule besuchen und den jüdischen Unterricht nur dürftig in den Abendstunden genießen, wie dieS z. B. in meinem Vaterlande Nassau durchgängig der Fall ist. Während dort daS Jüdische als Nebensache behandelt und sowohl von Seiten der Eltern als auch der Kinder betrachtet wird, nimmt eS hier zu Lande einen ebenbürtigen Rang ein, ohne daß die weltlichen Lehrzweige dadurch Schaden leiden. In Frankreich herrscht bekanntlich kein Schulzwang; eS steht Jedem frei, seinen Kindern Unterricht angedeihen zu lassen oder nicht. Doch kommt es nie vor, daß Jemand sich lässig darin zeigt; im Gegentheil bringt man hier mehr Opfer, als in vielen andern Ländern, wo der Staat zum Schulbesuche nöthigt. — Obgleich in den Schulen des Elsasses das Französische die Unterrichtssprache ist, so ist doch die deutsche Sprache vorherrschend und wird es besonders hier an der Grenze Deutschlands und der deutschen Schweiz noch lange, wenn nicht gar immer, bleiben. Die elsässischen Rabbinen sind daher genöthigt, abwechselnd in beiden Sprachen zu predigen. — Der religiöse Sinn wird durch