Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 42 (11.10.1858)
- Date
- 1858-10-11
- Page
- Seite 581 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3226093-3226136--17229-3246130- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
581 Rußland. Odessa, 22. August. (Privatmitth.) Unter dem Titel „Zeitgemäße Philippica gegen die Beschneidungssucht" erschien in der Prager inedicinischen Vierteljahrsschrift 1858, 2. Band, ein Aussatz vom Professor Herrn vi'/G. Streubel in Leipzig, der, obwohl eine würdevolle Abfertigung in der Wiener medicinischen Wochenschrift (in No. 26. d. I. vom Redakteur derselben, Di-. Wittelshöfer) bereits gefunden, doch hier darum für weitere Kreise eine Besprechung verdient, da der Verfasser nicht ansteht, seine Arbeit als zeitgemäß zu bezeichnen, und vielen Ihrer Leser gewiß nicht in den Sinn kommt, in einer die jetzige Höhe der medicinischen Wissenschaft repräsentirendcn Zeitschrift eine ganze Ablagerung mittelalterlichen religiösen Fanatismus zu finden. Erlauben Sie mir, in wenigen Worten Ihnen auseinanderzusetzen, was es mit der medicinischen Frage für eine Bewandtniß hat. Die Herren Ricord, Vidal de Cassis, Chapaignac, Bonafont u. A. — Zierden der französischen Chirurgie — nehmen nicht allein die Beschneidung bei vielen, selbst leichten Veranlassungen vor, sondern vollziehen sie auch in vordauender Beziehung, bei etwas zu starker Vorhaut. Ueberdies stellen sie die Behauptung auf: „es würde in hygienischer Beziehung die Einführung der Beschneidung bei Christen ein großer Fortschritt sein." Der englische Arzt Hutchinson hat selbst einen statistischen Beleg geliefert — wiewohl aus einer geringen Anzahl Kranker abstrahirt —: daß dieJuden, Dank der Circumcision, relativ weniger an eigentlicher Syphilis erkrankend Streubel selbst, der seit 12 Jahren am Leipziger Waisenhause als Chirurg fungirt, hat in den ersten 4 Jahren seiner Dienstleistung — nehmen Sie diesen Umstand zur Notiz — „ziemlich oft enge und lange Vorhäute bei 4 bis 8jährigen Knaben durch den Schnitt operirt." Erst in den letzten 8 Jahren habe er die Operation feist ganz unterlassen, weil er dieselbe als unnütz erkannte. *) Herr Streubel entwickelt nun in weitläufiger Weise die physiologische Bedeutung der Vorhaut, wie diese unter Anderm bestimmt sei, sich zusammenzuziehen, sich zu entfalten und auszudehnen u.s. w. und kämpft nunun¬ *) Zufällig functionire ich hier ebenfalls am (christlichen) Waisenhause, und es kam mir niemals i» den Sinn, diese Operation ins Bereich meiner Thätigkeit zu ziehen. ter dein Schilde der entfalteten Vorhaut ungestüm gegen Diejenigen an, die sich an derselben zu vergreifen wagen, und zwar mit einem Eifer, der einer bessern Sache werth wäre. So weit gehen die Sachen noch gut, kein Enthusiasmus läßt mich ungerührt, und nicht ohneWehmuth kann ich mich aus meiner Jugend an den Ritter von la Manch« erinnern. Daß er ferner in der Hitze der Discussion sich so weit vergißt, den ausgezeichneten Hutchinson einen Narren, und Männer wie Ricord, Vidal, Chapaignac, Bonafont geradezu Gaukler zu nennen, ließe sich ebenfalls leicht auf Rechnung einer soliden Grobheit setzen. „Jetzt", fährt Herr Streubel in gehobener Stimmung fort, „genügt es nicht mehr, diese Operation ruhig zu besprechen... jetzt muß man die Rücksicht der Höflichkeit bei Seite setzen, mit Spott und Hohn zu Felde ziehen, namentlich sich einer soliden Grobheit befleißigen." Man muß billig sein und gestehen: dieser Theil seiner Aufgabe ist ihm vollständig gelungen. Aber daß er eine rein medicinische Frage ins religiöse Gebiet hinüberspielt, „und sie bekennen sich (die genannten Chirurgen) tief durchdrungen von der Weisheit der mosaischen Gesetzgebung", und aus dem rein zufälligen Umstande, daß die Circumcision bei den Juden religiöser Act ist (aber auch bei den Muhamedanern ist eS der Fall) die impertinentesten Jnvectiven über diese auSschüttet, ist was gewiß außer allem logischen Zusammenmenhange steht. Sind es etwa Juden, die der Circumcision Verbreitung und Anerkennung zu verschaffen suchen? Oder haben sie für die bei ihnen gebräuchliche Methode um ein Privilegium nachgesucht? (Herr Str. kritistrt nämlich die französischen Methoden und empfiehlt dafür seine eigene.) Sind Ricord, Vidal, Chapaignac, Bonafont, Hutchinson verkappte Juden? War etwa Streubel selbst in den ersten 4 Jahren seines Dienstes am Waisenhause Jude? Nun hören Sie, wie man sich nicht entblödet, die Gelegenheit vom Zaune zu brechen, um die trivialsten Ausfälle »ans rime et raison auf unsere Mil brüder zu häufen. „Wollen wir das Judenthum, daß sich zu unserem Nachtheile schon so inAlleS mischt, auch noch in dieWissenschaft und Religion sich drängen lassen? Nein, jetzt dürfen wir nicht länger zögern, jetzt müssen wir jenen Männern, die aus dieSeite der Juden treten, ihre Thorheit vorwerfen. Mögen die Juden bei gekürzter Vor- 42**