Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 42 (11.10.1858)
- Date
- 1858-10-11
- Page
- Seite 579 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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579 Statt bekannt gemacht worden, wurde gleich von allen Seiten hingearbeitet, um die ins Leben zu tretende Anstalt im Keime schon zu erdrücken; es wurden Klagen auf Klagen gehäuft, daß es nicht der Wille der Gemeinde sei, sondern blos die Pläne einer in den Wirren des Jahres 1848 sich gebildeten Partei, die wie der Religion, so der Regierung feindlich sei; aber Dank sei es den erleuchteten Behörden, welche all diese Klagen für die gewöhnlichen Ausflüchte eines obscuren und jedem Fortschritte feindlichen Pöbels ansah, und so diese heilsame Lehranstalt im März 1856 ins Leben rufen ließ. Mil der Eröffnung der Schule aber wurde der Kampf noch nicht beendet; im Gegentheil, derselbe wurde noch weit erbitterter von einigen Fanatikern, die sich an die Spitze der Gemeinde zu stellen gewußt hatten und die sich eine traurige Berühmtheit um den heiligen Glauben zu verschaffen glaubten, geführt, und erzeugte Haß, Zwietracht und Hader in der Gemeinde. Um also die Schule zu beeinträchtigen, wurde nun von einigen Gemeindegliedern eine Sammlung zur Errichtung einer armen Talmud-Thora-Schule, welche den gewöhnlichen Chedurim an Schmutz und Unreinlichkeit weit nachsteht, weil diese ausschließlich von Proletariern, von der Hefe des Volkes, besucht wird, veranstaltet. Diese Talmud-Thora hatte den Zweck, alle Kinder der Schule zu entziehen. Kein Geld ward gescheut, kein Mittel wurde unversucht gelassen, um nur diese antijüdische Schule, diesen Ursprung alles Fortschrittes und aller Aufklärung, diese einzige Quelle, woraus eine bessere israelitische Jugend hervorgehen kann, nicht aufkommen zu lassen! Jenen Eltern aber, welche ihre Kinder doch in die Schule zu schicken geneigt waren, wurde mit der ganzen Macht ihres Ansehens gedroht, ja nur ihre Kinder in die Chedercloaken zu senden, und zur Erlernung profaner Kenntnisse sie lieber in die katholische Schule zu schicken. So weit trieb sie die Wuth des Fanatismus, daß sie sie lieber von Christen als von ihren Glaubensgenossen unterrichtet wissen wollten! Auf diese Weise wurde nun gegen das neue Institut und zwar mit Erfolg manövrirt; denn von den bis 60 sich eingeschriebenen Schülern blieben kaum 30; aber das alte Sprüchwort „Ires ksoiunt collegium“ vor Augen habend, wurde der Unterricht in der dritten Claffe mit 3, in der zweiten mit 4 und in der ersten mit 22 Schülern begonnen, und es wurden die nöthigen Schritte bei der hohen Regierung zur Beschränkung deS Schulbesuches bloö auf die deutschisraelitische Schule und zur Aufhebung der Talmud- Thora gethan. Bei der nun im Sommercurse des Schuljahres 1858 von Sr. Hochwohlgeboren dem Herrn Schulrath Linzbauer und Sr. Hochwürden dem Herrn Schuldistricts-Aufseher abgehaltenen Visitation, wobei sich der Fortschritt der Schüler in hohem Grade ergab, wurde die Entscheidung ein für alle Mal ausgesprochen, daß mit Beginn des Schuljahres 1858/59 die israelitische Jugend nur ihre Schule besuchen muß, und kein Jüngling zum Talmudunterrichte zugelassen werden darf, bis er nicht den genossenen Unterricht an der deutsch-israelitischen Trivialschule durch ein Zeugniß darthun kann. So ist nun die fanatische Partei gänzlich geschlagen, ihre Klagen sind verhallt, und sie hat sich in ihre Clause zurückgezogen, allwo sie sich am Nektartrank nach dem Abend- und Morgengebet labt. Die Schule hat sich bereits eingebürgert und unangefochten steht sie da. Durch den unermüdeten Eifer der Lehrer und den lobenSwerthen Fleiß der Schüler hat die Schule an solchem Credit gewonnen, daß selbst die Gegner ihr die gebührende Achtung nicht versagen können. Mit dem Schluffe des gegenwärtigen Jahres besuchten über 60 Kinder die Schule, von denen 18 Vorzugsclasse und gegen 30 FortgangSclasse erhalten haben. Durch Beschränkung des Schulbesuchs bloS auf die deutsch-israelitische Schule hofft man mit Beginn des neuen Schuljahres gegen 150 Schüler aufzuweisen. N. L. Von der Raab, 3. August. lPrivatmitth.) Kö rmend im Eisenburger Comital zählt ungefähr 130 israelitische Familien, von denen mehrere Geschäfte von großer Bedeutung betreiben und sich eines ziemlichen Wohlstandes zu erfreuen haben, der übrige größere Theil besteht aus Handwerkern und sogenannten Dorfgehern, die kümmerlich und dürftig sich fortbringen müssen. Der religiöse Zustand der Gemeinde ist größtentheils der, wie leider überall, «in kalter, frostiger JndifferentiSmus. Die religiösen Satzungen werden entweder gar nicht beachtet, oder geist- und herzlos ausgeübt. Da man für das Ceremonialgesetz keinen Sinn mehr hat, so wird auch der religiösen Idee wenig Rechnung getragen, und so bleiben dein gemeinen Haufen Thür und Thor für jedes Laster, für jede Unmoralität geöffnet« 42