Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 42 (11.10.1858)
- Date
- 1858-10-11
- Page
- Seite 577 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226093-3226136--17225-3246126- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
577 an die Synagogenvorsteher, um im Tempel die Genesung des Doctors zu erflehen. Kaum hörte man, daß er komme, so wurde sofort Laub zu Ehrenpforten und Guirlanden gebracht, Wagen und Musik bestellt und alles Dies ohne irgend eine Verabredung, ohne irgend einen Plan; Alles bestrebte sich, seine Freude und Dankbarkeit auf die beste Weise zu erkennen zu geben. Sonntag 1 Uhr Nachmittags zog Ref. selbst mit seinen Schulkindern, von denen ein Mädchen eine Ansprache an den Doctor hielt, nebst 12 weißgekleideten Jungfrauen unter Musik durch die Straße nach Kozmin zu, dem Ankommenden entgegen. Zu gleicher Zeit kamen Kutschen, Wagen, Reiter und Fußgänger von allen Seiten die Straße entlang und bildeten bis Kozmin, zwei Meilen von hier, vier Empfangsstationen. Ein Religionsunterschied war hier weder sichtnoch fühlbar. Juden und Christen, Vornehme und Niedrige, Reiche und Arme belebte nur ein Gefühl der Liebe und Dankbarkeit für den mit ihrem ganzen Vertrauen beehrten Arzt; ein schönes Vorbild einer schönen Zukunft. Daß aber der Gefeierte dieser seltenen Anhänglichkeit und Ehre werth sei, wird schon daraus zu erkennen fein, daß, während er ohne Rücksicht auf Religion und Stand seit 17 Jahren seiner hiesigen bewährten Prariö noch Niemandeni eine Rechnung zugeschickt, er Tag und Nacht unausgesetzt seinem Berufe lebt und dabei als Mensch überall hilft, so viel er vermag. Ref. wies auch in seiner Anrede an ihn auf die Macht des gesinnungstüchtigen humanen Menschen hin, der ungeachtet seiner kurzen Lebensdauer und der ihm selbst von dieser durch Krankheit entzogenen Thätigkeit, doch so viel des Guten zu wirken im Stande sei und daß ihm das anwesende Publikum, allen drei Confessionen gehörig, als eine wohlduftende, farbenreiche Blume, „Dankbarkeit" genannt, erscheinen müsse. Von so vieler Liebe gerührt, dankte er unter Frcudenthränen, die daS Publikum bis ins Innerste ergriffen, mit der Versicherung, daß er es auch ferner alS seinen Lebenszweck betrachten wolle, seinen Mitmenschen als Arzt und Freund stets hülfreich zur Seite zu stehen. Unter Freudenschüssen und Hurrahrufen setzte sich endlich der lange Zug in Bewegung bis an das Haus des Gefeierten, vor welchem Ehrenpforten errichtet waren, während dieses selbst zahlreiche Guirlanden zierten. — Dem Verdienst« seine Krone! Korn, Lehrer. Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, im August. Die Augsb. Allgcm. Zeit, schreibt: Vorgestern hat der Kaiser eine Deputation des Wiener Magistrats in Larenburg empfangen, welche ie Gratulationen der Stadt Wien aus Anlaß der Geurt des Kronprinzen überbrachtc. Auch die heutige „Wiener Ztg." enthält eine Reihe von Geschenken und mildthätigen Stiftungen, welche die Geburt des österreichischen Thronerben verherrlichen sollen. Uebrigens sind eine Legion von Hoffnungen und Wünschen in allen Ständen und Parteien durch dieses glückliche Ercigniß angeregt worden. Auch die österreichischen Juden gehören, wie die ,,N.-Z." mittheilt, in die Reihe der hoffnungsvollen Menschen und glauben, daß bei dieser Gelegenheit endlich ihre Wünsche und Bitten Gehör finden und die Beschränkungen, die ihre Besitzfähigkeit in den letzten fünf Jahren erfahren hat, werben aufgehoben werden. Wir laffen die Erwägung, auf welchem Wege die bestehenden Mißverhältnisse abzuschaffen wären, bei Seite und Heden nur hervor, daß die letzteren eine solche Höhe erreicht und solche positive Nachtheile hervorgerufen haben, daß selbst die Behörden, einzelne dissenlirende Stimmen im Reichörathe ausgenommen, für die Wiedereinsetzung der Juden in ihre früheren Rechte sich erklären. Bei großen Güterverkäufen wird nicht einmal der Ausrufspreis erzielt, da die kauflustigen Israeliten — und ihre Zahl hat sich in den letzten Jahren stark vermehrt — von der Concurrenz ausgeschlossen sind; auf jüdisches Capital kann der landschaftliche Credit nicht rechnen, da die Juden wissen, daß sie kein Anrecht auf die Hypothek selbst besitzen; landwirthschaftliche Industrieanlagen gerathen ins Stocken, da es den Juden zwar gestattet ist, Industrie zu treiben, dagegen verwehrt bleibt, die zur Ausbeutung der Industrie nothwendigen Grundstücke zu erwerben. Der Schaden dieser seltsamen Verhältnisse trifft die christlichen Grundbesitzer, die den Preis ihres Eigenthumö herabgedrückt, ihren Credit geschmälert gewahren, eben so stark wie die Juden. Was die Juden selbst anbelangt, so ist es bekannt, daß sie ihre in früheren Jahren gesetzlich erworbenen liegenden Güter nicht auf ihre Kinder vererben dürfen, dieselben vielmehr nach dem Tode deS gegenwärtigen Besitzers zwangsweise veräußert werden. In einem böhmischen Bezirke (Hohenems) kam vor einigen Monaten sogar der Fall vor, daß ein