Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 42 (11.10.1858)
- Date
- 1858-10-11
- Page
- Seite 576 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226093-3226136--17224-3246125- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
576 und unter Aufsicht deS Vereins bei guten Lehrern behufs ihrer gründlichen Vorbereitung unterzubringen, wurde mit großer Anerkennung ausgenommen, und erklärte sich der Herr Dirigent bereit, auf denselben einzugehen, wenn die Mittel des Vereinssolches gestatten. Ich halte die Ausführung dieses Vorschlags für sehr wichtig und auch nicht für schwer, da sich überall tüchtige und für das Lehrerfach begeisterte Lehrer finden, die gern einen tüchtigen Jüngling vorbereiten, und in den betreffenden Gemeinden ein solcher sehr leicht die Kost (wenn auch sogenannter Wandertisch), hier und da auch LogiS unentgeltlich erhält. Der Verein braucht in den meisten Fällen nicht viel beizutragen. Wenn hiernach der Verein Alles aufbietet, um allen Wünschen so weit als möglich zu entsprechen, so muß nun auch von den Gemeinden, besonders denen der Rheinprovinz, erwartet werden, daß sie diese so wohlthätige Anstalt besser als bisher unterstützen. Es ist Gottlob in den meisten Gemeinden das Bedürfniß nach guten Elementar- und Religionslehrern fühlbar geworden und suchen die meisten auch ihre Lehrer in jeder Beziehung besser zu stellen. Aber woher gute Lehrer erhalten, wenn das einzige Seminar, welches wir haben, nicht durch bedeutende Beiträge unterstützt wird? Durch verhältnißmäßig nur geringe Opfer für diesen heiligen Zweck von Seiten der Gemeinden würde die Anstalt im Stande sein, mehr Lehrer als bisher auszubilden und vorbereiten zu lassen, und den Wünschen mehrerer Gemeinden zu genügen. Ich ersuche daher vorzüglich die wohllöblichen Vorstände der Gemeinden meines Bezirks, in ihre jährlichen Gemeindebudgers eine den Verhältnissen ihrer Gemeinde entsprechende Summe aufzunehmen, so wie die Agenten des Vereins, mit Fleiß, Eifer und Ausdauer die jährlichen Sammlungen auch bei unfern christlichen Mitbürgern, wie Letzteres in Westphalen geschieht, zu betreiben. Nur durch ein gemeinschaftliches, energisches Zusammenwirken wird unS ein Institut erhalten werden, und dasselbe immer mehr gedeihen, das so viele Lehrer und Handwerker schon ausgebildet hat und für welches der jetzige hochverdiente greise Dirigent seine Kräfte und so viele Opfer aufgeboten hat. I. Kahn, Oberrabbiner. Aus dem Großherzogthum Posen, im September. Mehrfachen traurigen Vorgängen in der jüngsten Zeit gegenüber, wird man aus dem folgenden Berichte freudig erkennen, wie die preußische Regierung und die preußischen Gerichtshöfe die von der Verfassung verbürgte Gewissensfreiheit verstehen und schützen. In dem posenschen Städtchen Pleschen spann der Musiklehrer Kleinczynski einen Liebeöhandel mit einer 18jährigen Jüdin an, die er in Musik unterrichtet hatte. Er erlangte die Einwilligung der Eltern unter dem Versprechen, Jude zu werden, und reiste mit der Mutter des Mädchens zu diesem Zwecke nach Posen. Unterwegs verließ er aber diese, eilte nach dem Städtchen zurück, um in der Abwesenheit der Mutter die Tochter zu entführen. Er brachte diese nach Posen zu einem katholischen Geistlichen, der das Mädchen sofort taufte und in ein Kloster brachte. Dann aber kümmerte sich der Musiklehrer nicht mehr um das Mädchen, und brach das ihr geleistete Ehegelöbniß. Die trostlosen Eltern riefen die Hülfe der Regierung an. Aus deren Nachforschung wurde das unglückliche Mädchen den Eltern ausgeliefert; der Herr Musiklehrer aber strafrechtlich zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt. Bei der desfallsigen Untersuchung stellte sich auch eine Urkundenverfälschung Seitens des Herrn Musiklehrers heraus, wofür er mit einer mehrjährigen Zuchthausstrafe belegt ward. Nachdem nun das Mädchen ihren Eltern auf Anordnung der Negierung hat auSgeliefert werden müffen, hat es seinen Wiederaustritt aus der katholischen Kirche gerichtlich erklärt und vollführt. Jarocin, im August. (Privatmitth.) Sonntag den 22. d. M. fand hier ein außerordentliches Volksfest statt, dessen sich unsere Stabt noch nie zu erfreuen hatte. ES war dies der feierliche Empfang des hier seit 17 Jahren prakticirenden Arztes, Herrn Dr. Ehrlich, welcher gefährlich erkrankt, in Breslau von dortigen Aerzten behandelt, und während seiner nennwöchentlichen Krankheit schon todt gesagt worden, am 22sten hierher genesen zurückkehren sollte. War der Tag seiner Abreise ein Tag der allgemeinen Trauer, so war der gestrige ein Tag der allgemeinen Freude, denn nicht nur Juden, sondern Katholiken und Evangelische jeden Standes, Geschlechts und Alters der Stadt und Umgegend zeigten eine noch nie dagewesene Anhänglichkeit an die Person des Herrn Dr. Ehrlich. Auch während dessen Krankheit gab sich die Liebe zu ihm auf merkwürdige Weise kund. So z. B. schickte eine polnische Bürgerin mehrere Pfund Lichte und Geld