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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-10-04 · Heft 41 (4.10.1858) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 41 (4.10.1858)
Date
1858-10-04
Page
Seite 568 (sequence 12)
Language
German
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sß8 schen Journale berichten aus den sardinischen Staaten über zwei ähnliche Fälle. DaS sardinische Gesetz aber tritt diesem Treiben scharf und streng entgegen. Der erste dieser Fälle ist so schrecklich, daß, da er jetzt vor den Gerichten schwebt, wir erst nach ausgemachter Sache darüber berichten wollen. Ueberhaupt sind die Verhältnisse der Juden in der Romagna und km Herzogthum Modena so drückend und erniedrigend, daß es in der Thal schwer ist zu begreifen, warum die Juden nicht längst den Wanderstab in die Hand genommen haben. Führen wir nur ein Beispiel an. In der Romagna und im Herzogtbume Modena können die Juden nur mit Bewilligung der Regierung unbewegliche Güter kaufen. Man bewilligt sie ihnen fast immer, aber unter die Würde des Mcnschen verletzenden Bedingungen. Ein Herr B...., reicher Banquier zu Reggio, erhielt die Erlaubniß, eine Villa zu kaufen. Er kauft sie, und seit mehreren Jahren bringt er den Sommer auf ihr zu. In diesem Sommer kommt ein anderer Pfarrer in die Parochie, in der dieses Landhaus sich befindet. Der Herr Pfarrer findet in einem alten Gesetz, ich weiß nicht welches Jahrhunderts, daß kein Jude die Nacht in dieser Parochie verweilen darf ohne seine Erlaubniß. 'Dieser giebt seine Autorität nicht so billigen Kaufes hin, und verbietet dem Herrn B...., noch eine Nacht auf seinem Eigenthum zu verweilen. Die Behörden entschieden zu Gunsten des Pfarrers. Indessen müssen wir hinzufügen, daß der Pfarrer zu verstehen gab, daß er gegen eine runde Summe sich beruhigen wolle. Man hat sich hierüber noch nicht arrangiren können, und unterdeß war Herr B.... genöthigt, ein anderes Landhaus zu miethen, weil man ihm nicht gestattete, in seinem eigenen zu verweilen. Rußland. Warschau, im September. (Privatmitth.) Von hier aus ist man gegenwärtig wieder sehr beschäftigt, nach allen Seiten hin für die deutschen Blätter Correspondenzen zu versenden, welche alle möglichen Schmähungen auf die Juden in Polen häufen. Man ist natürlich listig genug, das Gift überall nur tropfenweise zu verbreiten, damit die Absicht, die Juden bei den höchsten Stellen anzuschwärzen und ihre Klagen zu neutralisircn, nicht zu deutlich hervortrcte, sondern die gelegentliche Erwähnung der Schmähung den Schein der Unschuld und Wahrheit gebe. Man kann daher gegenwärtig wieder kaum ein deutsches Blatt öffnen, ohne in einer polnischen Correspondenz die Juden als die Sündenböcke aller möglichen Uebelstände figuriren zu sehen. Bald schaffen sie die Scheidemünze aus dem Lande hinaus, so daß sie den fühlbaren Mangel derselben verursachen. Bald entblößen sie durch ihren großartigen Holzhandel das Land von Forsten, so daß man dagegen einschreiten müsse. Die „Posener Zeitung" enthielt jüngst folgendes Artikelchen: „Es hat sich hier ein neues Comitc gebildet zur Entwerfung eines Gesetzes für die Regulirung der Verhältnisse der Juden. Man will dem hier so sehr verbreiteten, verderblichen Wucher der Juden Schranken setzen, und ihnen den Uebergang zur landwirthschaftlichen und gewerblichen Thätigkeit erleichtern. Zur Entleerung Polens von der übermäßigen, größtentheils unproductiven jüdischen Bevölkerung wird von sehr gewichtigen Stimmeil die Erweiterung der jüdischen Ackerbau-Colonien im südlichen Rußland in Vorschlag gebracht. Die Judenfrage betrachtet man hier allgemein als eine Lebensfrage der polnischen Gesellschaft." Es wird hier wieder einmal der Wucher und die Unproductivität der Juden zum Stichblatt genommen. Man weiß, was man von diesen leeren Behauptungen zu halte» hat. Das Lächerliche aber besteht in zwei Punkten: erstens, „es hat sich hier wieder ein Comite gebildet u. s. w.", als ob hier mir nichts dir nichts einige Leute zusammentreten und Gesetze entwerfen können; zweitens, man will die Eiltfernung der Juden aus Polen durch Colonke» in Südrußland bewirken, als ob die Versetzung einiger tausend Seelen eine Veränderung der Lage und Verhältnisse herbeiführen könnte. Es ist in der Zeitung des JudenthumS oft und gründlich dargethan worden, daß der Uebergang zum Ackerbau im größten Maßstabe bei den polnischen Juden stattfinden würde, wenn man für sie den Erwerb von Grund und Boden von all den zahllosen Beschränkungen befreien würde, mit denen er für die Juden belastet und dadurch fast unmöglich geworden. Die so außerordentlich verarmten polnischen Juden würden in großer Masse zum Landbau greifen. Dies aber ist es, was man eben nicht will, sondern nur immer mehr und mehr sie einschränken. Jedenfalls wäre es erfreulich, wenn man endlich zur Einsicht käme, "daß durch die maßlose Beschränkung der Juden auch den Christen und der ganzen Gesellschaft der größte Nachtheil erwächst, so daß man durch ihre Belastung sich nur selbst belastet.

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