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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-10-04 · Heft 41 (4.10.1858) · p. Seite 566

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 41 (4.10.1858)
Date
1858-10-04
Page
Seite 566 (sequence 10)
Language
German
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566 Berlin, im September. (Privatmitth.) Allerdings ist in Berlin innerhalb des Judenthums Alles still und schweigsam. Für nichts Jüdisches lebt irgend ein Interesse. Ja, man wundert sich hier darüber, wenn man von irgend woher erfährt, daß man sich noch für etwas Derartiges interessirt. Kein jüdisches Unternehmen, eS sei denn ein Krankenhaus oder ein Waisenhaus, findet hier Anklang und Förderung. Wer aber hat hieran Schuld? Sicher nicht die Masse an sich, sondern zum großen Theil Diejenigen, welche als die Führer in der Gemeinde verpflichtet wären, Leben zu wecken und zu erhalten! Selbst auf die Gefahr hin, etwas edronique scandaleuse zu geben, muß ich Zwiefaches als Beispiele erzählen. Neben der Hauptsynagoge ist hier eine sogenannte Interims- oder Hamburger- (weil in der Hamburger Straße) Synagoge. Für diese einen zweiten Prediger anzustellen, liegt natürlich außerhalb der Möglichkeit in einer Gemeinde von — 16,000 Seelen! Man engagirt, wie in kleinen Gemeinden, einen 'en bsa, einen Kandidaten für die Festtage. Aber auch diese armen Candidaten erwecken, wenn sie gu t predigen, an gewisser Stelle Eifersucht. Je schlechter, desto besser. Als der Vorstand in diesem Jahre den Herrn vr. Sachs ersuchte, einen Candidaten vorzuschlagen, empfahl dieser einen jungen Mann, der vor drei Jahren aus Ungarn eingewandert, und notorisch damals noch nicht deutsch sprechen konnte. Derselbe predigte — so, daß man ihn Jom Kippur nicht wieder die Kanzel besteigen lassen konnte!.. Dies ist Berlin, die Metropole der Intelligenz, und deren Juden noch vor einem halben Jahrhundert der Glanz der deutschen Juden waren!... W ie in dem Tempel der „Reformgemeinde" gepredigt wird — darüber will ich schweigen. Das einzig Genießbare darin ist der Gesang, der freilich uns oft genug in einen Concertsaal versetzt. Der Jom-Kippur-Gottesdienst in der „Reformgemeinde" besteht bekanntlich in drei Stunden Vormittags und einer Stunde Nachmittags. Als die Vormittagspredigt vorüber war, und die Gesellschaft sich auflöste, verabschiedete sich der Prediger von einigen Bekannten, mit denen er noch geplaudert, mit den Worten: „Gesegnete Mahlzeit!"- Oesterreichischer Kaiserstaat. Nrußidschow, im September. (Privatmitth.) Der Artikel in No. 37. Ihrer Zeitung „die unglückliche Familie Mortara in Bologna" giebt mir Veranlassung, einen ähnlichen Fall, der sich in meiner eigenen Familie vor ungefähr 100 Jahren zugetragen, und welch hochherzigen Bescheid die Kaiserin Maria Theresia glorreichen Andenkens ertheilt hat, mitzutheilen. Im Marktflecken P. in Mähren, Znaimer Kreises, hatte Js.. L.. die Branntweinbrennerei, Potaschensiederei und GerbhauS zum Eigenthume erhalten. Als rechtlicher und gebildeter Mann stand er so wie seine Gattin in hoher Gunst bei seiner gütigen Obrigkeit, dem Grafen N., und hatte daS Glück, von den einzelnen Mitgliedern der gräflichen Familie besucht zu werden. Diese Besuche kamen oft ganz unvermuthet, und zu unbestimmter Zeit; oft ganz ohne besondere Absicht im Vorbeigehen, oder um kleine Einkäufe zu machen und Aufträge zu geben. Aus dem ganzen Benehmen der hochgräflichen Familie war zu erkennen, daß sie ihrem Schutzjuden sehr zugethan sei, und ihm ihre Liebe und Achtung zuwende. Jsak L.. und seine Familie war auch bei seinen Stammgenossen, weil er nicht allein reich, sondern auch gelehrt, fromm und wohlthätig war, und im Marktflecken P.. eine Synagoge auf eigene Kosten erbaut hatte, bekannt, beliebt und geehrt. Diese Synagoge schenkte L.. der Judengemeinde mit der einzigen Bedingung ganz zu eigen, daß, so lange ein Mitglied aus der L.'schen Familie in P. lebe, jedem Einzelnen ein Sitz Vorbehalten bleibe. Js. L. hatte mehrere Kinder, unter andern zwei Knaben, M. und L., welche im Alter nicht sehr verschieden von einander waren. Diese Knaben erkrankten beide gleichzeitig sehr schwer und setzten die Familie in große Betrübniß. Die Kunde der Erkrankung dieser Kinder gelangte auch in das hochgräfliche HauS, welches an dem Kummer der ihnen licbgewordenen jüdischen Familie den herzlichsten Antheil nahm. Wie gewöhnlich kam ein oder das andere Mitglied des gräflichen Hauses in die Wohnung dcS Schutzjuden, ohne daß für den ersten Augenblick dessen Gegenwart wahrgenommen wurde, weil die Eltern anderweitig im Branntwein-, Gerb- oder Potaschenhause beschäftigt waren. So geschah es auch, daß der Besuch eines Fräuleins aus der gräflichen Familie bei den kranken Kindern unbeachtet geblieben war. Bald darauf erlangten die Knaben zur Freude ihrer Eltern ihre Gesundheit wieder. Nach Verlauf von mehreren Jahren erkrankte ein Fräulein aus dem gräflichen Hause, und da die Hoff-

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