Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 41 (4.10.1858)
- Date
- 1858-10-04
- Page
- Seite 563 (sequence 7)
- Language
- German
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563 priesene hohe Vorzug der Sache der Berathenden und Redenden sein, daß man die Werke der Wohlthätigkeit nicht bloS von Staatswegen, sondern um Gottes und der Pflicht willen übt? Und daß mit Einschränkungen und Verclausulirungen und nach strenger Controlle und nach Prüfung und Erwägungen von Vielen, Vielen — den Armen Hülfe und Unterstützung gebracht werden soll; daß also Las oft gar zarte Geheimniß der still weinenden Armuth durch, wenn auch geistlich-amtlichen, doch immer a m t l i ch e n Blick entschleiert, und dann wieder der Arme zur Zerknirschung gebracht werden, an den Rand des Abgrundes kommen müsse, bis ihm die helfende Hand gereicht wird? Und das Alles, wie ein erst vom Geiste des Glaubens eingegebenes und ins Leben gerufenes — Neues!! O, meine Gemeinde, Ihr vom Hause Israel, wahrlich, wenn Werke, wenn Werke der Wohlthätigkeit das Schiboleth eines frommen Lebens sind, so brauchen wir nicht zurückzustehen, nicht zu bekennen: Ja, ja an milder Sorge für die Armuth übertrefft Ihr uns. Wie anders je, als um Gotteswillen hat der Israelit gelernt, den Armen Gutes thun? Wie anders, als mit zartem Sinn, als unübertretbares Gebot hat er gelernt, der Roth steuern, dem Mangel abhelfen, ihm nach Kräften vorzubeugcn? Und wem half, wem hilft er, wenn er seiner Religion Gebote befolgt? Etwa nur den Glaubensgenossen? Dem Verwandten, dem Gerechten, dem Frommen? — dem Menschen zn helfen ist er, fühlt er sich angewiesen, und indem er Hilst, nennt er das nicht Hülse aus jüdischer Liebe; sondern die Erfüllung eines Gebotes der Menschenliebe, ihm befohlen durch das jüdische Gesetz. So soll deö Juden Haus sein eine Stätte der Zuflucht jedem Armen, nicht dem jüdischen blos, seine Hand geöffnet jedem Dürftigen, sein Herz des Mitgefühls voll für alle Bekümmerten aus jedem Lande und Volke und Glauben. Und wenn dies ist, so brüstet er sich damit nicht, als ob er ein übermenschlich Großes gethan — er that, wie es seine Pflicht ist, wie es seine Lehre von ihm fordert. Und die Bekenner dieser Lehre, die hat jener „fromme" Mann aus der Fremde in unserer Stadt bezeichnet als stehend unter dem Fluche GotteS. Wie denkt Ihr?"- „Ein solch entschiedenes Bekenntniß fordere ich, und zumal dem Worte Dessen gegenüber, der sich nicht entblödete, uns als unter dem Fluch stehend zu bezeichnen; fordere dies, höret mich — und, o daß ich weit, weithin cs rufen könnte, daß alle Welt eS hörete! — fordere eS im Hinblicke auf unsere Väter. Im Hinblicke aus unsere Väter! und ich meine dabei nicht blos, nach dem üblichen Sprachgebrauchs die, an welche unmittelbar das Wort der göttlichen Verheißung ergangen, an jene Seher und Gottesboten, die zuerst der Menschheit das Licht reiner Gotteslehre brachten, die gegen Götzendienst und seine Greuel mit edlem Zorn eiferten; ja, nicht an jene Helden aus hasmonäischem Hause, an die edlen Makkabäer, die für Gott lind Recht mit dem Schwerte stritten und siegten, nicht an die Söhne der frommen Hannah, die, gotkersüllt und gottbegeistert, für ihren Glauben freudig starben... ich denke an die Väter, unsere Väter, die Juden im Abendlande, an die rechtlosen, geschmähetcn, ungestraft von den Niedrigsten Geschändeten denke ich, denen gegenüber der Knecht noch sich als Freier und Hoher fühlte, an die denke ich und sage: Im Andenken an sie und um ihres gesegneten Andenkens willen, bekennet freudig und entschieden: Ich bin ein Jude und bete an den Gott des Himmels. Gesegnet ihr Andenken, und Preis urid Ehre unserm Gott, dem wir nicht Fluch andichten, wenn von Menschen Fluchwürdigkciten verübt wurden und werden." „Aber" — nun, was „aber"? Ja, eine gewisse Niedrigkeit der Gesinnung, Geldgier, Habsucht, die haftet, haftete doch an den Juden, darüber sind ja alle Zeugnisse einmüthig, und so, was etwas Begeisterndes hat, Mannesmuth, Heldensinn, das ging ihnen doch ab; wir wollen sie darob nicht schmähen, aber man kann eS uns nicht verdenken, wenn wir nicht eben mit freudigem Gefühle ihrer gedenken. — Laßt uns sehen! Ihr habt Recht, es gab und giebt Juden, ohne Zweifel, die Geld und Gut und Gewinn mehr lieben, als alle Güter und Schätze des Himmels und des Geistes, mehr, als Recht und Tugend und Ehre. Das waren und daS sind denn eben unwürdige Juden, wie sie niedrige Menschen sind." „Aber von den Juden, als den glaubenstreuen Bekennern des Judenthums sagen, sie seien, weil Juden, Sclaven des Geldes, baar alles hohem Sinnes gewesen — und für Gewinn und Geld sei ihnen Alles, Alles feil gewesen? O, geht, geht! Solche frevle Verleumdung richtet sich selbst. Bedenkt doch. Nicht einmal und zehnmal, nein, hundertmal trat der Versucher und die Versuchung an den Juden: „Komm, verlaß Gott und Glauben, so winken Dir die Güter