Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 41 (4.10.1858)
- Date
- 1858-10-04
- Page
- Seite 560 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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LSO israel. beigelegte Druckschrift belehrt uns, daß unsere Glaubensgenossen in Italien es freudig erfahren haben, daß die deutschen RabbiM sich ihrer Sache so eifrig angenommen. Odessa, 3. September. Ein Festmahl. Eben kehre ich von einem glänzenden Festmahle nach Hause, und will versuchen, über die erhebenden Eindrücke, von denen ich und alle Anwesenden ergriffen waren, Ihnen in Kürze zu berichten. Geheimrath von Pirogoff, verläßt nämlich nach einem etwa zweijährigen segensreichen Wirken seine Stellung als Curator des Lehrbezirks, und kommt in gleicher Eigenschaft an die Universität Kiew. Die hiesige israelitische Gemeinde fand darin eine erwünschte Gelegenheit, Sr. Ercellenz als schwaches Zeichen ihrer dankbaren Anerkennung seiner hochherzigen Bestrebungen zur Hebung der Erziehung auch der israelitischen Jugend ein Abschiedsmahl anzubieten, welches auch bereitwillig angenommen wurde. In einem festlich geschmückten Salon eines vornehmen hiesigen Gasthofes wurde demselben ein koscher bereitetes Mittagsmahl gegeben, zu welchem äußernden Honoratioren unserer Gemeinde auch ausgezeichnete Persönlichkeiten des hefigen Lehrkörpers, der Stadtmaire u. A. zugezogen wurden, im Ganzen etwa 70 Personen. Das Mahl war ein heiteres, von den besten Gefühlen und Wünschen getragenes, und als der Champagner in den Gläsern zu perlen anfing, brachte der Maire unserer Stadt — Vanquier I. Gari — unter rauschendem Zurufe der ganzen Versammlung ein Hoch auf die. Gesundheit unseres erhabenen Monarchen und des ganzen kaiserlichen Hauses aus. Darauf folgte ein Toast auf Se. Ercellenz den Grafen A. G. Strogonoff, General- Gouverneur unserer Provinz, und noch einige andere. Nun erhob sich Rechtsanwalt Herr Jos. Rabinowitsch und hielt eine von wohlthuender Wärme durchglühte Anrede in russischer Sprache, worin er meisterhaft die Leistungen des Gefeierten hierorts in doppelter Weise als Heilkünstler und Chef des Erziehungswesens hervorhob, und mit einem Toast auf seine Gesundheit schloß. Auf ihn folgte Herr vr. Lewenson in einer, obwohl kürzern, aber wohldurchdachten gediegenen deutschen Ansprache. Der Gefeierte, fichtlich gerührt, ergriff das volle Glas und sprach: „Meine Herren! Ich zähle unter den Hebräern viele Lehrer, liebe Kameraden, ausgezeichnete Zöglinge; Diese und Jene haben es großentheils zu etwas Tüchtigem gebracht, aber nur so lange fie der progresfiven Richtung anderer Nationen huldigten. Ich spreche dies in der Ueberzeugung aus, daß alle Anwesenden dieser meiner Meinung beipflichten; denn hoffentlich theilen wir Alle den Ausspruch Humboldts: „daß der Zweck des menschlichen Geschlechts in der Entwickelung seiner innern Fähigkeiten besteht, und nicht anders als mit gemeinsamen Kräften ohne Rückficht auf Volksstamm und Nation angestrebt werden muß. Ich schlage daher einen Toast vor auf die Gesundheit aller anwesenden Vertreter der progressiven Ideen in der israelitischen Gesellschaft." Mit feinem Tacte brachte der Herr vr. Pinsker einen Toast auf die hochherzige russische Nation, in deren Mitte wir leben und deren Humanität wir täglich erfahren und zu würdigen Gelegenheit haben, aus. Diesen Anlaß erfaßte ein talentvoller junger Mann, Herr Georgiewsky — Professor der Geschichte am Lyceum — um in schönen, beredten Worten zu sagen: „Erlauben Sie, meine Herren, im Namen des ganzen Lehrkörpers für die Ehre zu danken, die Sie dem Herrn von Pirogoff erzeigen; wir wissen, daß was Sie am meisten an seiner Person ehren, die Idee ist, die er vertritt, die Idee des Fortschritts und der Toleranz. Wir Russen sind schon lange durch Handel und Industrie mit den Hebräern verbunden, aber ein inniger Anschluß ist im Allgemeinen nicht bemerkbar; hier und da behalten die Gefühle des Mißtrauens und der Mißgunst noch die Oberhand. Zum beiderseitigen Nutzen schlage ich Ihnen einen Toast auf die innigere Annäherung zwischen den Russen unv den unter ihnen lebenden Hebräern vor, eine Annäherung, welche nur die Wirkung fortschreitender Aufklärung sein kann. Wir sind hier, Russen und Hebräer, in den Gefühlen der Hochachtung für unfern Pirogoff zusammengetreten, einigen wir uns auch in unfern Wünschen für die Fortschritte der Aufklärung unter Russen und Juden in unserm gemeinsamen Vaterlande." Der Eindruck dieser kurzen Improvisationen war ein allgemeiner und erhebender, und um diesen in seiner ganzen Tragweite zu würdigen, erlaube ich mir auf einige frühere Verhältnisse zurückzukommen. Sie wissen, daß Geheimerath von Pirogoff über die hiesige Talmud-Thora sich öffentlich in Wort und Schrift äußerte, und fie als Muster den christlichen Kinderschulen vorführte. Dies verfehlte nicht, einige Empfindlichkeit wach zu rufen, und in