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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-09-27 · Heft 40 (27.9.1858) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 40 (27.9.1858)
Date
1858-09-27
Page
Seite 547 (sequence 5)
Language
German
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547 herausgeführt, herausgedrängt. Nein, nicht Menschenwerk, Gotteswerk war es. Menschen hätten es nicht vollbracht, nur die Führung Gottes. Die Cultur der Menschenwelt war in Israel eingedmngen, und diese hatte sie mit einem ungeahnten Feuer ergriffen, mit einer ungeahnten Kraft sich zu eigen gemacht; die bürgerliche, industrielle und sociale Welt hatte ihm ihre Pforten eröffnet, und Israel drängte sich in diese hinein. Gott hatte Israel eine neue Bestimmung gegeben, sich den Völkern, in deren Mitte es bis dahin abgeschlossen eristirt hatte, einzuleben, einzuverleiben, als Bürger dem Bürgerthum, als Volksglieder dem Volksthum anzugehören, und dennoch die Religion des Einig-Einzigen zu erhalten in ihrer vollen Kraft. Ich sage es noch einmal, es war dies kein Menschenwerk; wie eine Fluth drängte sich Israel herbei und überbrandete alle Schranken. Aber für die Religion hatte dies zunächst traurige Folgen. Die Religion als ein Gegebenes, Bestehendes, Dauerndes kann nicht jeder Strömung des Lebens Nacheilen, und hat sich dieses dem Bette der Religion entzogen, so bleibt diese lange Zeit verlassen und vereinsamt. Vor drei Jahrzehenden zeigten sich die Folgen dieser großen Umwälzung bereits ganz und gar. Die alten Satzungen standen da noch in ihrer vollen Gültigkeit, aber sie waren schon in großem Maße außer Uebung gekommen; was das Mittelalter an Mißbräuchen geschaffen, war Alles noch da, aber es hatte den Schein der Ehrfurcht verloren. Aber eben so verfallen war der religiöse Geist; er, der in den letzten Jahrhunderten Israels verstummt war, war noch nicht geweckt. Die Religion Israels war nicht allein nach außen, sondern bei ihren eigenen Söhnen mißachtet; die Lehrhäuser der alten Rabbinen standen leer, und neue waren nicht geschaffen; Religionsunterricht für die Jugend war gar nicht vorhanden, oder beschränkte sich auf das dürftigste hebräisch Lesen. Die Gotteshäuser waren verfallen, der Gottesdienst verschmäht. DieReligion war zum Sprüchwort geworden, die Bekenner des Judenthums schämten sich seiner und verbargen es vor der übrigen Welt. Es war kein Bewußtsein seiner Herrlichkeit da, und der Abfall an vielen Orten — zur Mode geworden! Fürwahr, m. Fr., wäre es also weiter gegangen, so würden Verderben und Untergang sicher gewesen sein, und die Religion Israels konnte, wie in unsrer Prophetensteüe Rachel auf ihrem Grabe, Wä b? „weinen um ihre Kinder", w/w „denn sie find von hinnen". Aber auch hier ertönte das ewige Wort an Israel: ^rn-mab mpn w"» — verzage nimmer, laß die Furcht und die Beängstigung, es ist Hoffnung für Deine Zukunft! Gegen diese Zustände mußte man fick erheben. Es war eine große, schwere Aufgabe. Es galt, den religiösen Geist Israels wieder'zu wecken, es galt, die L ehre des Juventhums aus ihren Grablöchern frei zu machen, es galt, in der Masse und in allen Einzelnen wieder eine religiöse Ueberzeugung zu schaffen, es galt, die Herrlichkeit unsrer Religion, wie sie allein alle Kräfte und Richtungen des Geistes befriedigt, sie die Religion der Vernunft und die Religion des Herzens, sie die Religion der Geschichte und die Religion der Cultur, die Religion der Erkenntniß und die Religion der That zugleich ist, ins Licht zu stellen, es galt, das Bewußtsein ihrer weltgeschichtlichen Sendung zu erwirken, wie sie die Mutter aller Religionen, aller religiös sittlichen Bildung war und ist, wie sie die Bewahrerin der ganzen Wahrheit, wie sie die Verkünderin des wahren Rechts und der rechten Liebe war und ist, wie sie die ganze religiöse Idee der Menschheit gebracht, für sie bewahrt und ihr sie lehrt durch alle Zeiten, es galt so, in jedem jüdischen Geiste die Erkenntniß seines Besitzes, seines Berufes und seiner ewigen Verpflichtung, und die Liebe und die Treue von Neuem herzustellen— dies war die Verjüngung des religiösen Geistes in Israel. Es galt ferner, ein neues Schriftthum, eine neue Wissenschaft in Israel zu schaffen, es galt eine, so noch nie dagewesene geistige Verbindung um alle Gemeinden Israels zu erwirken; es galt, durch Wort, Schrift und That die Religion Israels auch nach außen zu verkünden, das Judenthum geachtet und anerkannt zu machen, Vorurtheile zu zerstreuen, seine Feinde zu entwaffnen, ihm die ihm zukommende Stelle in der Weltgeschichte zu erobern. Es galt endlich, die Erscheinung des Judenthums zu klären und umzugestalten, Mißbräuche zu entfernen, Andacht und Weihe in seinen Gottesdienst zu bringen, und über die große Kluft zwischen Religion und Leben Brücken zu schlagen. M. Fr., das war und ist keine Aufgabe, die in einem Merteljahrhundert zu lösen, keine Arbeit, die eine Generation vollenden kann. Ist doch in Israel stets Alles langsam gegangen, und hat deshalb immer so tiefe Wurzeln geschlagen. Fünf Jahrhunderte währte es, bis nur die Schriften des Talmuds abgeschlossen wurden, unv doch waren sie nur das Resultat von fünf anderen Jahrhunderten vor ihnen. Anderthalb Jahrtausende dauerte es, ehe unser Gebetbuch das ward, was es bis vor Kurzem gewesen; vier Jahrhunderte .fiijd es erst, daß die Satzung durch den y'v einen Abschluß erhalten. „Wird denn ein Volk an Einem Tage geboren?" ruft der Prophet aus. Ja, die Folgen der Vergangenheit machen sich noch jetzt fühlbar und werden sich noch lange fühlbar machen, ja,

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