Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 40 (27.9.1858)
- Date
- 1858-09-27
- Page
- Seite 546 (sequence 4)
- Language
- German
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546 der allem Guten aufrichtig zugewandten Gemeinde selbst. Und vergessen wir es nicht, es war eben keine alte, seit Jahrhunderten bestehende Gemeinde, wo das Alte nur immer rechtzeitig zu verjüngen ist, sondern eine neue, wo der Boden selbst erst errungen und geebnet werden mußte; es waren keine Besitzthümer vorhanden, das reiche Erbe frommer Väter, und es war keine Gemeinde, in deren Mitte große Reichthümer vorhanden, sondern deren größte Mehrzahl ihr Brot im Schweiße ihres Angesichts erwirbt, und der Alles ein Opfer, schweres Opfer ist, wir wurden von Niemandem unterstützt, nicht Stadt, nicht Staat öffnete uns ihre Quellen, wenn die unsre versiegen wollte — es ist Alles unser eigen Werk. Und fürwahr, Brüder, sehen wir also auf die fünfundzwanzig verflossenen Jahre zurück und was fie gebracht, und sei noch Manches mangelhaft, und haben wir noch lange nicht beendet — können wir ausrufen: Ja, es ist ein Lohn für Dein getreulich Werk, denn dies selbst steht da fest, unerschütterlich, wohlthuend und wirkend, es ist Hoffnung für Deine Zukunft, denn aus solcher Saat erstand und ersteht herrliche Ernte, und jene ist die Bürgschaft für diese — das Wort, das damals gesprochene, hat nicht getrügt — Dank Gott in der Höhe! Und wenden wir unfern Blick weiter, schauen wir auf die große israelitische Gesammtgemeinde des ganzen preußischen Vaterlandes — welche Hoffnungen sind da verwirklicht worden in dem verflossenen Vierteljahrhundert! Damals nahmen wir in Preußen noch gesetzlich eine Ausnahmestellung ein voller Beschränkungen; zweiundzwanzig verschiedene Gesetzgebungen galten für uns im Vaterlande, von Provinz zu Provinz waren für uns Barrieren vorgezogen , in vielen Landestheilen und Städten durften wir noch gar nicht wohnen, von vielen Gewerben waren wir noch ausgeschlossen, in der ganzen Provinz Posen sogar noch vom Militärdienste. Aber eine Schranke nach der andern siel, und jetzt steht uns die Gewissensfreiheit, die völlige bürgerliche Gleichberechtigung verbrieft in der beschworenen Verfassung; und wenn auch auf Umwegen dieselbe noch nicht verwirklicht worden, so kann dies doch nur zeitweise geschehen, das Wort muß Wahrheit werden, und die Erfüllung so Vieles ist die Bürgschaft für die Hoffnung des Ganzen. Ja, er hat viele Kämpfe gekostet, der Sieg, so weit er errungen worden — aber gerade durch den Kampf wachsen ja die Kräfte und der fröhliche Muth und das Bewußtsein — ein unendlicher Segen! — Und richten wir unfern Blick noch weiter, auf das ganze Israel, so weit seine Gezelte stehen um das ganze Erdenrund; wer die Geschichte desselben in der verflossenen Zeit kennt, weiß, daß die göttliche Vorsehung es von Sieg zu Sieg geführt. „Groß wie das Meer war seine Wunde", und in der That, verhehlen wir es uns nicht, noch immer blutet es aus ihr, noch werden ihm von mächtigen und unermüdlichen Feinden, Gegnern, die sich immer wieder gebären, Schlag nach Schlag beigebracht — afcet Vieles ist geheilt worden, und, was mehr als Alles, die Widerstandskraft, die bewußte, vereinigte Widerstandskraft wächst von Tage zu Tage. Ja, es mehrten sich von Jahr zu Jahr die Länder, in denen^ Israel, den Völkern derselben eingefügt, ruhig und in Frieden wohnt, in denen allen seinen Söhnen keine Beschränkung auferlegt ist, den Würdigen unter ihnen jede Auszeichnung zukommt, die sie verdienen, in welchen sie frei und sonder Nachtheil den einigen Gott bekennen dürfen; und selbst die Staaten, in denen sie noch gedrückt und geknechtet sind, thun, von innen getrieben, immer weitere Schritte, ihre israelitischen Unterthanen von ihrem Joche zu befreien, wenigstens es zu mindern, es zu erleichtern. Nein! die Flammen des Fanatismus, der Verfolgungssucht, des Hasses und Vorurtheils, des Widerwillens und Neides erlöschen nicht auf einmal, erlöschen nirgends ganz, sie schlagen immer wieder empor, es kommt immer wieder ein Sturm, der die Asche von den Kohlen weht und das Schwefelseuer anfacht -aber ihrer Wuth wird immer wieder Einhalt gethan, ihrem Verderben Schranken gesetzt — Hallelujah, der Lohn der Treue, der festen Ausdauer, des Nimmerwankens, er bleibt nicht aus, und unsere Zukunft ist voll Hoffnung! II. Aber, m. Fr., dies Alles betrifft mehr die äußeren Verhältnisse unsrer Gemeinde und unsres Israels. Aber um des bloßen Bestandes, selbst um eines freien Bestandes willen ist Israel nicht da. Mehr kommt es bei ihm auf das Innere an, auf den heiligen Zweck, um den es da ist, auf seine erhabene Mission, um derentwillen die göttliche Wallung es erhält von Zeitalter zu Zeitalter, nicht blos Vierteljahrhunderte, nicht blos ganze Jahrhunderte, sondern Jahrtausende. Also auch nach innen lasset uns das Senkblei der Erinnerung werfen. Es war, m. Z., vor drei Jahrzehenden ein betrübender, ja gefahrdrohender Zustand in Israel eingetreten — daß ich es mit einem Worte sage: ein allgemeiner Verfall. Die göttliche Vorsehung hatte Israel seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts geistig und bürgerlich aus seiner Abgeschlossenheit, in der es erstarrt und verödet war,