Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 40 (27.9.1858)
- Date
- 1858-09-27
- Page
- Seite 544 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226093-3226134--17186-3246085- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
544 an sich beträfe, nimmer wäre ich so vermessen, dessen an dieser geweiheten Stätte und in dieser geheiligten Stunde zu gedenken — aber es ist das Verhältniß zur Gemeinde, welches heute diesen großen Abschnitt zurückgelegt hat, es ist die Gemeinde selbst und nur ich mit und in ihr, welcher diese Jahre verflossen, und wie dürfte ich hierüber schweigen?! Und es waren doch fünfundzwanzig Jahre der Entwickelung, frischer, rüstiger Entfaltung, und dennoch eben so viele Jahre des Friedens, und wenn auch nicht immer Einverständnis in unsrer Mitte war, und wie sollte dies auch möglich sein, und wenn auch bisweilen Spaltung vorhanden war — bei redlichem Willen von allen Seiten ist immer nach kurzer Zeit Ausgleichung wieder eingetreten, es kam nie zum unheilbaren Bruch, nie zur unvereinbaren Kluft, und Die sich eine Zeit lang gegenüberstanden, sahen sich bald wieder mit freundlichen Blicken an und begrüßten sich mit herzlichem Händedruck; und so waren es fünfundzwanzig Jahre der frischen Entfaltung und des Friedens zugleich, und wer schaute nicht gern in solche zurück? Und ist nicht heute yinatö ein „Sabbath des Gedächtnisses", vorzugsweise das Fest, daran uns die Erinnerung, die Erwägung und die Erkenntniß unsrer Vergangenheit zur Pflicht, zur Aufgabe gemacht ist?... Wohl, m. Fr., so lasset uns die Pfade, die wir mitsammen gegangen, noch ein Mal im Geiste durchgehen, was wir miteinander durchlebt, noch ein Mal in der Erinnerung durchleben — wie? ist das Wort des Propheten auch an uns eine Wahrheit geworden? hat die Verheißung nicht gelogen? Und wenn wir uns damals zuriesen: „es ist Hoffnung für unsere Zukunft" — hat es sich bethätigt? „es giebt einen Lohn für Dein getreulich Werk" — haben wir es erfahren?- O Herr, Du hast den Menschen vergänglich geschaffen, daß nach kurzer Blüthe sein Haar bleicht, seine Kräfte schwinden; und dann hast Du den weiten Plan des Lebens vor ihm ausgebreitet, darauf der Jrrpsade, der Krümmungen und Windungen, der Scheide- und Kreuzwege so viele sind — und nun lassest Du ihn wanken und schwanken, irren und sich verwirren — da klopft es in unsrer Brust, da wogt es in unsrem Herzen: bist auch Du irre gegangen? hast auch Du Dich verloren? oder hast Du den rechten Weg unter den Füßen gehabt, und Dein Pilgern ging zum rechten Ziele?... O Herr, nicht blos das Todte wird begraben, auch vom Lebenden schon ein großes Stück, guch der Lebende steht schon seines Lebens Stück vor Stück in die Gruft sinken, erst die Jugend, dann das Mannesalter, erst sein bestes Können, dann sein stärkstes Wollen — aber über Alle, über die Irrenden und Rechtgehenden, über die Aufstrebenden und Absteigenden tönt Dein ewiges Verheißungswort: es ist Hoffnung für Deine Zukunft, es ist Lohn für Dein Werk! Amen. I. M. Fr.! So Jemand in der Jugend Blüthe seine Bahn beginnt, und er dann nach einem längern Zeitraum in jene Anfangszeit zurückblickt — was anders erschaut er da zuerst im Geiste als jenen schönen Kreis tüchtiger und würdiger Männer, mit denen und durch die er seinen Beruf antrat. Und heben wir es schon jetzt und offen hervor; es galt damals dennoch ein Anderes, als in gewöhnlichen Zeiten, wenn etwa ein junger Beamter an die Stelle eines gealterten tritt, es galt damals ein Anderes, wie selbst schon gegenwärtig gelten würde, wenn Ihr an meiner Statt einen geistlichen Führer zu wählen hättet — es galt damals ein Neues in Israel, es galt, in eine neue Entwickelung, in eine Umgestaltung eintreten. Magdeburg war im ganzen preußischen Vaterlande die erste Gemeinde, welche die regelmäßige deutsche Predigt, die regelmäßige Constrmation sämmtlicher Kinder, den geregelten Religionsunterricht, die Trauung in der Synagoge mit Traupredigt schuf und einführte mit allen ihren Konsequenzen. Keine preußische Gemeinde war ihr darin vorangegangen, und erst langsam folgte man ihr nach, bis man jetzt sich wundert, wenn sie irgendwo fehlen. Dies war damals ein außerordentlicher Schritt, eine That der Magdeburger Gemeinde, deren Werth und Bedeutung jetzt Niemandem mehr fraglich ist — und darum, fürwahr! ist die Erinnerung an die Männer, die damals an der Spitze der Gemeinde standen, die heute vor fünfundzwanzig Jahren, als ich zu reden aufgehört hatte, ohne daß ich irgendwie etwa zu allen diesen Instituten gemahnt hätte, aus fich selbst den Entschluß zu allem Diesem faßten, eine um so ernstere, geheiligtere. Damals, wie heute, wie immer, standen Greise um das zu beginnende Werk und rüstige Männer und blühende Jünglinge. Und die Greise gingen bald Einer nach dem Andern zu den ewigen Ruhestätten, und die Männer wurden Greise, und ihrer sind nicht Viele mehr übrig von damals, und die Jünglinge haben seitdem wie ich, die Höhen des Lebens überschritten, und auch ihrer sind schon nicht wenige von hinnen geschieden. Welch Glück für den Menschen, daß dies Alles so nach und nach geschieht, daß die Stellen so nach und nach leer und die Lücken allmählig wieder ausgefüllt werden — wie sollte er es sonst ertragen! Ach, ist es doch fast eine neue Welt von