Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 38 (13.9.1858)
- Date
- 1858-09-13
- Page
- Seite 520 (sequence 6)
- Language
- German
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520 boten und anbefvhlen haben, sich Einer gegen den Andern in Worten und Geberden still und bescheivcritlich zu betragen, mithin sowohl in Häusern als auf den Gassen alle nur ersinnliche Gelegenheit zum Zanken, zur Verunglimpfung und zu irgend einigen Thällichkeiten gebührend zu vermeiden; mit der nachdrücklichen Verwarnung, daß, welcher Jude diesem Mandate zuwider zu handeln sich erfrechen würde, solcher alsdann alS.ein mukhwilliger und boshafter Friedens-Störer angesehen, liscaliter belanget und nach den peinlichen Rechten ohne Gnade am Leibe oder Leben aufs allerschärfste gestrafet werden solle. Wonach sich ein jedweder Jude zu richten und für Schimpf und Schaven zu hüten hat." Am 10. August 1753, also ein Vierteljahr später, erschien „wegen der noch immer fortgesetzten und erneuten Zänkereien" eine „geschärfte Warnung" an die Juden" ähnlichen Inhalts. Die englische Parlamcntsfrage ist völlig nach ihrem inneren Sinne erledigt: die englischen Bürger haben das Recht erhalten, auch Juden zu ihren Vertretern zu erwählen. Ein hiesiges MifsionSblatt bemerkt hierzu: „das Geld habe wohl daS Beste bei dieser Entscheidung gethan." Da wäre nun Gelegenheit zu einer arithmetischen Berechnung: wie viel Gelb ist wohl nöthig, die Million englischer Bürger zu erkaufen, wenn die MissionSgesellschaft mit 85,000 Pfund Sterling jährlich durchschnittlich zwei Juden im Jahre erkauft? Uebrigens wäre es doch gar zu — komisch gewesen, wenn den Juden die Gleichstellung in derselben Sitzung verweigert worden wäre, wo die Regierung sich ausdrücklich zu völliger Unparteilichkeit zwischen Christenthum und den ostindischen Religionen verpflichtet hat. Hoffen wir indessen auch, baß von jetzt an die Juden Großbritanniens sich mit Ernst und in größerer Zahl auf die liberalen Studien und Carriern» legen werden. Bis jetzt haben sie blutwenig dafür geihan, und selbst studirte eingeborene jüdische Aerzte gicbk es verhältnißmäßig nirgends so wenig als dort. Daß es der russischen Regierung mit der Ausbeutung ihreS Californiens, nämlich mit Hebung der Zustände ihrer Juden jetzt wahrer Ernst ist, davon haben wir auch hier einen Beweis gehabt, indem derjenige Beamte, Hofrath von Gradofski, welcher beauftragt ist, daS westliche Europa zu bereise», um Studien über die dortigen Juden zu machen, sich hier eine Woche lang aufgehalten hat. Derselbe hat sich seine Aufgabe in der Frage präcisirt: waS ist zu thun, damit die Juden in Rußland auf dieselbe Stufe allgemeiner Bildung geführt werden, auf der ihre westeuropäischen Glaubensgeuoffcn sich befinden? Die Antwort, die er hier und überall erhielt, war natürlich, daß vor Allein die Freiheit des Aufenthalts und der gewerblichen Bewegung in der ganzen Monarchie ertheilt werden müsse, damit nicht an einer Stelle, wo 1000 Juden sich ernähren können, deren 20,000 zusammengedräiigt werden. Sehr erfreute es ihn, daß der Chassidismus in Deutschland nicht eristire, und daß cS wie hier wohl Chassibim tsogar widerliche, wie eS in Reb Henoch heißt) giebt, aber keine Chassidäersecte. Das offene, wohlwollende und für seinen Gegenstand förmlich begeisterte Wesen deS Herrn von G. ist wahrhaft wohlthuend. Er ging von hier über Frankfurt, nach Paris und London, wo er ebenfalls verschiedenartige jüdische Kreise im Interesse seiner Aufgabe kennen zu lernen sucht. Eines freilich kann er bei alledem und alledem doch nur in Deutschland allein lernen: die wirkliche Toleranz auf dem eigentlich geistigen, nicht bloS dein politischen Gebiet; denn nur in Deutschland, dem Lande größerer.geistiger Freiheit, auf dem von deutscher Wissenschaft und Philosophie tief durchackerten Boden ist — einzelne Ausnahmen ungerechnet — selbst der Gläubige gebildet genug, um wenigstens der Absicht nach die Berechtigung des Un¬ oder Andersgläubigen anzuerkennen, sogar indem er ihm die bürgerlichen Rechte trotz Humanität, trotz Recht und trotz Humboldt verkürzt. In England z. B. verbieten sogar wohlgesinnte Eltern ihren Kindern den Umgang mit Judenkindern aus aufrichtiger Furcht vor Schaden an ihrer Gläubigkeit. Mir liegt das Schreiben einer vortrefflichen englischen Schulleheerin vor, in welchem sie eine ihr sehr lieb gewordene Schülerin mit blutendem Herzen zurückgiebt, weil es ihr gar zu wehe thut, der herrlichen Seele die „ewigen Wahrheiten" Vorhalten zu müssen. In Deutschland ist in letzter Zeit dergleichen auch vorgekommen, aber nur da, wo irgend ein zeitweilig herrschendes Ministerium solche Richtungen begünstigt. Uebrigens sind deutsche Christen, die in England leben, in der Regel aus ähnlichen Gründen genöthigt, ihre Kinder herüber nach Deutschland in Pensionsanstalten zu schicken. In London namentlich fehlt eS an einer deutschen aufgeklärten jüdischen Schule, und wird noch lange daran fehlen, da zur Errichtung sehr viel Geld gehört, das ungeachtet deS