Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 37 (6.9.1858)
- Date
- 1858-09-06
- Page
- Seite 505 (sequence 5)
- Language
- German
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505 Nalionaliäten zusammenlebten, die jüdische nämlich nebst der deutschen und polnischen. Als aber im Jahre 1848 eine „Reorganisation" des Großherzogthums Posen und dann eine „Demarcationslinie" in demselben das dermalige preußische Ministerium beschäftigte, ließ fich die Annahme, daß die Provinz, zumal diesseit der beabsichtigten Demarcationslinie, bereits germanisirt sei, lediglich durch das Dasein der Juden rechtfertigen, die sowohl numerisch wie moralisch, industriell und kommerziell die Präponderanz des Deutschthums zur Erscheinung bringen. Nimmt man die jüdischen Deutschen als eine aparte Nationalität, die, nicht zum Lande gehörig, ein blos geduldetes, fremdes, nicht zurechnungsfähiges Element seien, so ist Posen noch heute eine ungermanifirte polnische Provinz, weil ohne sie die christliche deutsche Bevölkerung den hinreichenden Ausschlag nicht geben könnte, geschweige denn gegen fie, wir meinen, wenn fich die Juden als Polen gerirten. Die Juden aber haben fich in jener kritischen Zeitlage unter vielen Gefahren und Leiden als Deutsche bekannt, weil fie seit einer Reihe von Generationen unter deutschem Zepter, vermöge ihrer Erziehung, Bildungsweise und ihrer Sympathien fich als Deutsche fühlen und wissen. Es kann eine deutsche Poliktik kaum widersinniger sein, als diejenige ist, welche in Posen die Juden aus dem Deutschthume escamotirt. Wie keine Nation, hat die zerrissene deutsche fast bei allen Staaten des Kontinents, groß und klein, ein Stück von ihrem Nationalkörper fallen und liegen lassen. Ohne von der Schweiz zu reden, stehen deutsche Völker nicht nur unter dänischer, sondern auch unter russischer, französischer, holländischer, belgischer Botmäßigkeit. Ueberall unter diesen fremden Nationen unterworfenen Bruchtheilen der Deutschen find Juden in mehr oder minder beträchtlicher Anzahl vertreten. Ist es nun unpatriotisch, theilnahmlos dafür zu sein, ob diese staatlich verloren gegebenen Bruchtheile aus ihrem Deutschthume convertirt werden, so erfordert es eine gesunde patriotische Politik, dafür Sorge zu tragen, daß innerhalb dieser von der Nationalgesammtheit abgelösten Theile kein Element fich befinde, welches fich zur fremden Nation mehr hingezogen fühlen müsse, als zu der ursprünglichen, was allein dadurch kann vermieden werden, wenn man im übriggebliebenen Deutschland die Juden in die Nation aufnähme und fie zu keiner nationalen Sonderstellung zwänge. Es war unlängst in der Presse die Rede davon, daß sich die Juden im Elsaß zur Franzöfirung mehr neigten, als die übrigen Deutschen. In Anbetracht der Gegensätze der nationalen Beziehung zwischen den Juden in Frankreich und denen in Deutschland, könnte es freilich nicht Wunder nehmen, wenn jene Beobachtung eine wahre wäre. Das sympathische und antipathische Verhältniß des Germanenthums und Ebräerthums zu einander bietet jedoch die für die Völker-Psychologie merkwürdige, obgleich nicht unerklärbare Erscheinung dar, daß, während weder der Romunismus, noch der Slavismus, geschweige die orientalischen Völkercomplere einen gleich starren Widerwillen gegen das Ebräerthum bekunden, wie die germanischen Stämme; die Juden ihrerseits, vermöge einer ganz besonder» Attractionskraft gerade zum Germanenthume tendiren und eine Anhänglichkeit, zumal an die deutsche Art, welche fie in fernen Ländern und über Meere mit fich herumtragen, und fie so wenig im Elsaß leichter als die christlichen Deutschen der Deutschheit abtrünnig werden, als sie vielmehr in Ungarn und Polen sowohl, wie in Holland und Amerika für das deutsche Wesen die Pietät an den Tag legen, daß sie selbst in ihren Tempeln hinsichtlich der Predigt das Deutsche der Sprache des Landes vorziehen. Mit welchem unverwüstlichen Gedächtniß die Juden pietätsvoll denjenigen Ländern über Jahrhunderte anhangen, wo sie es gar einmal gut gehabt haben, beweisen die sogenannten „sepharadischen" Judengemeinden, die mit einer kindlichen, fast kindischen Hartnäckigkeit noch heute überall in Europa an das Spanische sich anklammern, ungeachtet ihre Tage von Aranguez gezählt waren, und fie zu Ende eine Verfolgung haben erfahren müssen, die ein Golgatha für Tausende gewesen ist. Es ließe sich erwarten, daß die Juden eine vollständige Aufnahme in die deutsche Nation durch eine energische Hingebung an das Deutschthum, innerhalb wie außerhalb dieser Staaten, vergelten werden, an das fie ihre Neigung und ihre Geschichte schon jetzt so sehr gefesselt hält, da es noch beliebt, fie abzustoßen. Der deutsche Patriotismus ist dabei engagirt, alle Söhne des Vaterlandes zusammenzuführen, ohne religiöser Gewissensrichter zu sein. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Coburg, 13. August. (Fr. P.-Z.) Mit dem gestrigen Regierungsblatt ist ein Gesetz über die Vereidigung der Juden veröffentlicht worden. Nach diesem Gesetz geschieht die Vereidigung der Juden im gewöhnlichen Geschäftslocal der betreffenden Gerichts-