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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-09-06 · Heft 37 (6.9.1858) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 37 (6.9.1858)
Date
1858-09-06
Page
Seite 503 (sequence 3)
Language
German
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503 doch wenigstens Nachricht von demselben zu erhalten, nicht erweichen. „Die Geschichte vergangener Zeiten bringt uns unglücklicher Weise wohl ähnliche Fälle wie der des Herrn MorLara; aber die Zeiten haben sich geändert und obgleich die Verhältnisse mehrerer Staaten Europas die Acte der Grausamkeit, die man an gewissen Orten der civilifirten Welt im Namen der Religion begeht, noch durch unwissende und sanatische Priester, hervorzurufen scheinen; so ist es doch natürlich, daß in dem Falle, um den es sich handelt, man nicht allein die allgemeine Presse benutzt, um einen Aufruf an die ganze Menschheit ergehen zu lassen gegen Handlungen, die geradezu die heiligsten Familienrechte antasten, sondern daß man auch sucht durch alle möglichen Mittel die geschehenen Uebel wieder gut zu machen und solchen vorzubeugen, die noch unfern Glaubens- Lrüdern zukommen können, welche in den Ländern wohnen, wo die Gesetze nichts gegen so schreckliche Angriffe vermögen. „Es ist daher natürlich, daß ein solcher Ausruf von dem einzigen Winkel Italiens ausgehen muß, in welchem die Gleichberechtigung der verschiedenen Culte aufs Klarste durch die Staatsgesetze proclamirt ist und durch die Regierung auf das Gewissenhafteste und Feierlichste geübt wird. Dieserhalb sind die Vorstände aller israelitischen Hauptgemeinden Sardiniens übereingekommen, durch die Stimme der Presse gegen die grausame Handlung, die man zu Bologna begangen^ sich zu erheben. Nichts desto weniger, wenn auch solche Reclamationen die Regierung augenblicklich bewegen können, welche solche Acte Duldet, vermögen sie doch nicht für die Zukunft eine Wirksamkeit zu üben, wenn man nicht zu Mächtigerem seine Zuflucht nehmen kann. Daher haben die gedachten Vorstände der sardinischen Gemeinden, außer daß sie die sardinische Regierung zu interesstren suchen, um sich beim römischen Hofe zu verwenden, daß der unglücklichen Familie Mortara ihre Ruhe wiedergegeben werde, geglaubt, sich an das Consistoire centrale der Israeliten Frankreichs und an die Vertreter der englischen Israeliten zu wenden, um sie aufzufordern, die Bedeutung des Vorfalls aufs Ernsteste in Berathung zu ziehen und bei ihren Regierungen Schritte zu thun, um zu erlangen, daß weder im Kirchenstaat noch anderswo Die Ruhe und der Frieden israelitischer Familien im Namen Der Religion gestört werde." Wir wissen nicht, welche Schritte das 6on8i8toire central und das Board of Deputies thun werden; uns schien es aber, daß auch die deutsche Judenheit nicht müsstg bleiben dürfe. Wir sandten daher an die R a b b i n e n Preußens und Deutschlands eine Aufforderung: eine Gesammteingabe an Se. Heiligkeit den Papst Pius IX. mit unfern Unterschriften zu richten, in welchen nachdrücklich um eine päpstliche Erklärung gegen die Gesetzmäßigkeit solcher Acte ersucht werde. Die meisten unserer Collegen haben bereits unserer Aufforderung entsprochen. Wir hoffen, daß die Eingabe noch im Laufe dieser Woche werde abgehen können, und werden wir dieselbe nebst den Unterschriften baldigst veröffentlichen. Dieser Schritt wird jedenfalls bedeutende Konsequenzen haben. Hamburg, 15. August. Die Gleichstellung der Juden, vom Gesichtspunkte der deutschen Einheit betrachtet. Von Chronik. In einer Zeit, wo die nationalen Gefühle der deutschen Völker wiedererwachen, und man auch von Seiten der Regierungen angefangen hat, zur Vereinigung Deutschlands aus dem Terte des nationalen Wünschens und Sehnens in die Wirklichkeit zu übersetzen, wie die Anstrengungen im Zoll- und Münzwesen, auf eine allgemeine Handelsgesetzgebung für das ganze geographische Deutschland u. s. w. zu erkennen geben, dürfte auch die Frage der Gleichstellung der Juden vom nationalen Standpunkte einer Betrachtnahme unterzogen werden. Die rechtliche Seite dieser Frage muß sicherlich als entschieden angesehen sein. Schon Börne sagte seiner Zeit, daß rechtliche Gründe für die Gleichstellung der Juden aufbringen, eine überflüssige Arbeit geworden sei, weil sie vor dem Richterstuhle des Vernunfturtheils keiner Beweisführung mehr bedürfe. Sie ist aus der theoretischen Arena heraus und nur noch eine Frage des guten Willens in der praktischen Anwendung geblieben, erledigt nunmehr in fast allen civilisirten und auch in uncivilisirten Ländern, wie „da hinten in der Türkei", in Persien, und, wenn wir sanguinisch sein wollen, bald auch im Lande der Zaaren; nicht aber in Deutschland, wo das vorgeschrittenste moderne Bewußtsein zum Durchbruch gekommen ist. Erörtern wir darum die Frage in Abflcht auf Deutschland von einer andern, als der rechtlichen Seite, von der nationalen, der deutschernheitlichen. 37*

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