Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 37 (6.9.1858)
- Date
- 1858-09-06
- Page
- Seite 502 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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502 gemessenen Vorschub zu leisten, beabsichtigen wir „ein Jahrbuch für die Geschichte des Judenthums" zu geben, in welchem, gleich dem „historischen Taschenbuch von Raumer", mehrere geschichtliche Abhandlungen vereinigt werden, wobei die Bedingung vorwalten muß, daß die Abhandlungen nicht die bloße trockene geschichtliche und kritische Untersuchung enthalten dürfen, sondern ein anziehendes, in schöner Diction gezeichnetes Bild geben müssen, welchem immerhin der unentbehrliche gelehrte Apparat als Beilage hinzugefügt werden kann. Wir thun dies jedoch nur unter zwei Bedingungen: 1) daß das Institut nicht verpflichtet ist, jedes Jahr einen solchen Band Jahrbuch zu liefern, und 2) daß nicht jeder Band von einem bestimmten gleichen Umfang zu sein brauche. Wir erachten es nämlich für einen gefährlichen Uebelstand bei einem jeden regelmäßig erscheinenden Jahrbuch oder Taschenbuch, jährlich eine bestimmte Anzahl Bogen füllen zu müssen, so daß auf den Werth des Inhalts nicht immer geachtet werden kann. — Es find uns zum Beginne dieses Jahrbuchs bereits mehrere sehr tüchtige Abhandlungen angeboten. Eine Erklärung. In der jüngsten Zeit haben mancherlei Streitigkeiten zwischen celebrirten jüdischen Gelehrten stattgefunden, die zu Ausbrüchen einer unstatthaften Heftigkeit geführt. Frankel und Luzzatto hatten gegen Maimonides harte Angriffe gerichtet, welche Rappaport in der hebräischen Zeitschrift Jeschurun zuruckgewiesen und dabei sich auch rügend gegen Geiger's Arbeit über Maimonides ausließ. Geiger hat in der Zeitschrift der deutsch-morgenländischen Gesellschaft über Rappaport's Erech Millin eine diesem allen wissenschaftlichen Werth absprechende Kritik veröffentlicht. Beer gab in dem Wiener Jahrbuch eine Recension von Geiger's „Urschrift", gegen welche Geiger in „Lettens' Mittheilungen" eine heftige Erwiderung erließ. Es sind nun vielfache Auslassungen xro und contra uns zugesendet worden. Wir erklären aber hiermit, daß wir alle diese Streitigkeiten von der Allg. Ztg. d. Jud. fern zu halten suchen. So lange die literarischen Fehden den Charakter ruhiger Untersuchung, der Aussprache und Begründung von Ansichten bewahren, find sie, und wenn sie die entgegengesetztesten Meinungen zu Tage bringen, von Werth und Resultat. Sobald sie aber in Persönlichkeiten ausarten, sobald fie die gehässige Absicht involviren, den Gegner auf jede mögliche Weise zu vernichten, hören ste auf, der Wissenschaft förderlich, und beginnen dem Leben gefährlich zu sein. So wie wir daher dieser Art Jnvectiven durchaus nicht dienen mögen, und am wenigsten aus anderen Gebieten zu unS herüber verpflanzen wollen: so gestatten wir uns auch ein Wort des Friedens und der Beruhigung an alle diese ehrenwerthen Männer zu richten. Niemand möge sich einbilden, daß er im Stande sei, durch sein Wort die Meinung über eine Persönlichkeit, welche Decennien der Arbeit und des Verdienstes hinter sich hat, zu beseitigen und zu vernichten. Man kann wohl dem Einen und dem Anderen Jrrthümer Nachweisen; je leidenschaftlicher aber eine Auslassung ist, desto schwächer ist die Wirkung. Wir bemerken dies keinem Einzelnen gegenüber, sondern Allen. Andererseits kann es nur betrüben, daß die kleine Schaar jüdischer Gelehrten auf solche Weise die mühsam und kaum errungene Achtung vor jüdischem Streben und Forschen in den Augen der Juden und Christen selbst wieder zu vernichten sucht. Aus den zerschlagenen Denksteinen Anderer sprießt niemals eine Palme für den Zerstörer. — Wir glauben berechtigt zu sein, solche Worte auszusprechen, denn seit einer Reihe von Jahren haben wir sehr heftigen Jnvectiven gegen uns, so auch in jüngster Zeit erst, eine völlige Ruhe und ein gänzliches Stillschweigen entgegengesetzt. Unsre Zeit ist mündig genug, um sich von Niemandem ein Urtheil vorschreiben zu lassen. Und in dieser Ueberzeugung sehen wir eben so ruhig leidenschaftlichen Angriffen, deren Quelle sich ja immer selbst verräth, wie absichtlichem Jgnoriren, geschehe dies von jüdischer oder christlicher Seite, zu, ohne dies selbst einer Erwähnung zu würdigen. Die unglückliche Familie Mortara in Bologna. Von Turin ist unter dem 23sten August e. auch an uns folgendes Rundschreiben gerichtet worden, das bei den israelitischen Gemeinden im Königreich Sardinien eirculirt: „M. H.! Ein barbarisches und grausames Ereigniß hat sich vor einigen Wochen bei einem unsrer Glaubensbrüder in Bologna zugetragen. Herr Mortara, ein guter und rechtschaffener Familienvater, Bewohner besagter Stadt und mosaischen Glaubens, sieht sein sechsjähriges Kind aus seinen Armen gerissen unter dem Vorwände, daß es durch eine christliche Magd ungefähr vor zwei Jahren getauft worden sei; und alle Bitten und alles Flehen der Eltern konnten bis jetzt die Behörden, an die sie sich gewandt, um dasselbe wieder zu erlangen, oder