Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 35 (23.8.1858)
- Date
- 1858-08-23
- Page
- Seite 480 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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480 schrift gesprochen wurde, stellte ich die naive Frage: ob denn unserem lieben Gott daS unter einem schwarzen Cylinderhute gesprochene Gebet angenehmer sei, als das unter einer Tuchmütze gelispelte? — Vorgestern nun ist es mir selber begegnet, aus dem Parterre verwiesen zu werden, weil ich der tropischen Hitze halber statt des schweren CylinderS einen, übrigens sehr netten, Strohhut trug. Ein alter, ehrwürdiger, sehr anständig gekleideter Mann mußte mein Schicksal theilen, weil er seine Silberhaare mit einer Mütze bedeckt hatte; er ward auf eine die allgemeine Andacht störende Weise gleich einem Uebclthäter aus dem Schiffe escortirt und auf eine Gallerie verbannt. Nachbemerkung der Redaction. Wir haben dieses „Eingesandt", obgleich es nur von localem Interesse ist, ausgenommen, weil uns ähnliche Anfragen aus anderen Orten schon mehrfach zugekommen. Abgesehen von der Art der Ausführung, die wir in der Ferne nicht zu beurtheilen vermögen, billigen wir die gerügte Einrichtung ganz und gar. Schon der Psalmist sagt: wnp rrnra 'mV Tinnum; der Prediger Schelomoh empfiehlt nachdrücklich, zum Heiligthum mit Vorbedacht zu gehen, und es ist Nichts widriger, als sehr häufig in jüdischen Gotteshäusern alle möglichen bunten und nachlässigen Trachten zusammengewürfelt zu sehen. DaS jüdische Publikum ist durch die Mißbräuche von Jahrhunderten so sehr gewöhnt, im Gotteshause in Benehmen, Stellung, Kleidung sich so ohne alle Ordnung zu geberden, in andachtswidrigem Geschwätz, Hinein- und Hinauslaufen u. s. f. in naivester Weise so gar nichts Profanirendes zu finden, daß es der strengsten Zucht durch Generationen hindurch bedarf, um Ordnung und Weihe wieder bei unS einzuführen. Aus diesem Grunde loben wir das Zuviel in diesen Dingen eher als das Zuwenig, und da in der Regel derartige Vorschriften nur auf dem Papier stehen, ohne wirklich ausgeführt zu werden, so müssen wir uns hier ganz auf die Seite des Tempelvorstandes stellen. Bei dem beständigen Zusammenfluß von Fremden aus allen Theilen des Kaiserstaats im Wiener Tempel möchten wir wohl wissen, was daselbst aus der Ordnung werden sollte, wenn dieselbe nicht streng gehandhabt würde. Brody, im Juli. (Privatmitth.) Aus dem Jahresbericht der deutsch-israelitischen Haupt- und Mädchenschule, welche von 620 Zöglingen besucht wird, erfahren wir die erfreuliche Thatsache, daß sie bald ein eigenes Schulhaus acquiriren werde. Sie selbst besitzt hierzu einen Fond von ungefähr 7700 Fl. Die Stadtgemeinde gab ein zinsfreies Darlehen von 8000 Fl. her unter der Bedingung, daß dieses Capital in 13 Jahren zurückerstattet werde. Es galt nun, diese Papiere bei hiesigen Handlungshäusern gegen Baar zu verpfänden und ein desfallsiger Aufruf hatte den günstigsten Erfolg. Prag, im August. (Privatmitth.) „Uns Alle zieht es heim zum Vaterlande!" Dieser schöne Schiller'sche Spruch leitet mich heute zu einer Correspondenz, die ich in wehmüthiger Pflichtserfüllung niederschreibe. Herr Simon Lederer, Doctor derMedicin und Chirurgie, k. k. Regimcntsarzt im U. Lin.-Jnf.-Regiment Baron Reischach, kam vor einiger Zeit aus seinem Stakionsorte Mailand zu seinen Verwandten nach Prag, um dann durch die Sommermonate seine von den Dienststrapazen und den mitgemachten Kriegen angegriffene Gesundheit wieder herzustellen; allein die Anstrengungen auf der Reise und ein Unfall auf der Eisenbahn verschlimmerten seinen kränklichen Zustand derart, daß er hier ans Bett gefesselt, nach kurzer Zeit am 24sten Juli in seinem 44. Lebensjahre verschied. Dr. Lederer erfreute sich der allerhöchsten Beachtung. Für seine Leistungen während dem ungarischen Feldzuge, für seinen unermüdlichen Eifer, für seine aufopfernde Thätigkeit auf den Schlachtfeldern von Custozza und Novara wurde er von Sr. k. k. apost. Majestät mit dem goldenen Verdienstkreuze belohnt, nachdem er schon ein Jahr vorher (1849) mit der päpstlichen Verdienstmedaille decorirt worden war. Am 26sten wurde die irdische Hülle des so früh dahingeschiedenen Familienvaters mit allen ihr zukommenden militärischen Ehren zur letzten Ruhe bestattet. Eine unabsehbare Menge Theilnehmer hatte sich zur Bestattung eingefunden, welche in folgender Ordnung vor sich ging. Ein Zug von Baron Wernhardts Jnfant.- Regiment unter Vortritt der RegimentSmusik eröffnete dieselbe, diesem folgte der von vier ärarischen Pferden gezogene Militär-Leichenwagen, decorirt mit dem Hute und dem Degen des Verblichenen, so wie mit dem erwähnten Verdienstkreuze und der päpstlichen Medaille. Zu beiden Seiten desselben gingen je 8 Unterofficiere von dem genannten Regimente mit brennenden Fackeln, hinter dem Wagen gingen die nächsten Anverwandten