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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-08-23 · Heft 35 (23.8.1858) · p. Seite 477

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 35 (23.8.1858)
Date
1858-08-23
Page
Seite 477 (sequence 7)
Language
German
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477 einer kräftiger» Zeit, welche die Flächen und Ebenen mied und sich irr Erhöhungen und Kurven gefiel. Und Ottensoser war ein Mann seiner Zeit. Sein Geist gefiel sich in Paradoxen, mit Paradoxen spielte seine Denkkrast, Paradore waren die Federbälle, die seine urwüchsige , aber ungebildete Dialektik hin und her schleuderte. Das Ungewöhnliche suchte er alltäglich zu machen, das Unvereinbare zu vereinen, für das Formlose eine Form zu finden. Wo eine Erscheinung der Zeit ihm als unfaßlich entgegenkam, wo er seine geistigen Fühlhörner vergebens an das Seltene und Unverstandene versuchte, wo ihn ein Neues und Ungewohntes überraschte, da war der Witz das Medium, wodurch er das Fremdeste sich aneignete. Es war dies jener kalte, reflectirende Schnlwitz des achtzehnten Jahrhunderts, halb in der Schule Bayle's und Diderot's gereift und halb in den Sälen des Bet Hamidrasch. Mit solchem scholastischen Witze ward irgend eine neue Erscheinung der Wissenschaft, der Kunst, ward ein politisches Ereignifi, ward der Sturm des Jahres 1848, ward selbst eine Katastrophe und Verhängniß begrüßt. Ottensoser war ein Mann der Regelmäßigkeit und der Ordnung, ein Mann nach der Uhr. Alles hatte bei ihm eine festgesetzte Stunde, selbst die Unthatigkeit und die Einsamkeit. Zu einer festgesetzten Zeit ward gespeist, aufgestanden, ausgegangen und der tägliche Besuch in Schlenker's Kaffeehaus gemacht — Kaffee war sein Lieblingsgetränk und sein einziger Lurus. Dort versammelten fich um ihn die Letzten seiner Getreuen an einem besonderen Tische, dort hielt er seine Vorträge, wurden seine Mittheilungen wie Orakel ausgenommen, ja dort war er eigentlich in seinem Elemente. Aber mit dem Schlage neun Uhr erhob er sich, mitten im Gespräche, ja mitten im Satze und verließ das Haus. Obgleich er keine Uhr besaß, so überhörte er nie die Stunde; vergebens hätte man die Uhren rückwärts gestellt, die neunte Stunde hätte ihm ein dienender Dämon ins Ohr geflüstert, und er war nicht mehr aufzuhalten. Zu allen Jahreszeiten trug er dasselbe Kleid; kein Ereigniß, keine Festzeit brachte eine Veränderung hervor. Und dieser Mann der regelrechten Ordnung, der philosophischen Diät war doch excentrisch durch und durch. War nicht schon sein Leben, sein Wirken, sein Bildungsgang ein Ausschreiten aus dem Mittelpunkte? Noch mehr war es sein Charakter, am meisten seine Grundsätze. Was den ersteren betrifft, so wissen wir nicht, ob ihm die Palme der Stoa gebührt oder vielmehr der Kranz jener Weltanschauung, die durch den Bürger von Sinope verewigt worden. Wenn sein Gleichmuth, seine Ruhe, sein stetiges Wesen, seine Unbewegtheit ihn mehr zu der ersteren Richtung gesellen, so muß seine Gleichgültigkeit, seine Weltverachtuug, seine Selbst- Verachtung, seine Genügsamkeit, seine Kraft im Entbehren ihn wieder mehr der letzteren Seite annähern. Das bunteste Spiel von Gegensätzen aber gewähren seine Grundsätze; und vernehmen wir ihn selbst, so fällt jede allzu frühe Hypothese über den Haufen, womit wir an diesen originellen Geist einen Maßstab zu legen suchten. Das Charakteristische dieser Grundsätze, wenn überhaupt von solchen gesprochen werden kann, ist eben das Paradoron quand meme, wie mich dünkt. An der Spitze steht das Horaz'sche Wort: Nil mirari! und daran reiht sich eine ganz leidliche epikuräische Lebensrichtung, nur von allen Grazien, von allem Schönheitssinne verlassen: denn welche Mächte diesen Geist immer mit Gaben beschenkt haben, die Grazien sind nie an seiner Wiege gestanden. Davon ist schon sein Styl eine lebendige Probe: gemacht und forcirt ist sein hebräischer, hart, kalt und schroff sein deutscher Styl. — Begeistert, mit Wärme konnte er den Genuß predigen, den Besitz erheben und mit allen Schwingen der Sehnsucht sich Reichthum wünschen. Und bei so viel Zerrissenheit, bei solcher Kälte, bei so weniger Erhebung und Idealität begegnet uns doch wieder als ein warmer Hauch aus dem besseren Lande der Kindheit, wenn auch nicht Offenbarungsgläubigkeit, doch eine schöne und innige Pietät für den Gott Jjraels und den schmerzgeprüften Weltgang seines Volkes. Möge dies Zeugniß in seinem Ehrengedächtnisse glänzen: es versteht sich unter den gegebenen Umständen nicht von selbst. Viele seiner Zeitgenossen, seiner Mitstrebenden, haben mit den Fesseln des Wahnes auch die Bande der Scham zerrissen; Viele sind auf ihrem Wege nach Wahrheit in die Haine des Genusses und der Selbstsucht gerathen; Viele wähnten für geistig frei zu gelten, wenn sie mit frechem Munde das Heilige und Hehre verspotteten; kleine, kurzsichtige Jünger der seichten Moderichtung, zerbrachen sie ein erträumtes Joch, um sich unter ein verächtliches zu schmiegen. Ottensoser gehörte nicht zu diesem Orden der Frivolität; nie ist aus seinem Munde ein leichtfertiges Wort über religiöse Dinge vernommen worden; nie hat er auch nur einen Gebrauch, eine fromme Sitte mit unzarter Wendung berührt. Kein Wunder; denn er war ein Geistesaristokrat, und wo ihn seine exzentrische Natur nicht regierte, da verhinderte ihn sein edlerer Sinn und seine höhere Bildung, mit dem Strome zu schwimmen und mit der profanen Menge zu schwärmen. Bon demselben Stand-

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