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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-08-23 · Heft 35 (23.8.1858) · p. Seite 476

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 35 (23.8.1858)
Date
1858-08-23
Page
Seite 476 (sequence 6)
Language
German
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476 tenden Einfluß geübt auf die Erweckung eines bessern Geistes, auf die Erwerbung einer vielseitigeren Bildung. Wenige haben die Fürther Talmudschule besucht, ohne seinen Unterricht zu genießen, ohne seine Anleitung dem Genius einer neuen Weltordnung näher gebracht zu werden. Viele der begabtesten Jünger talmudischer Wissenschaft, welche später an den Hochschulen die edelste Reift erlangt haben, find durch ihn erst mit den Ansangsgründen der deutschen Sprache bekannt gemacht worden. Als die Pforten der Jeschiba stch schlossen, da ward auch seine Thätigkeit und Bedeutung beschränkt. Seine wissenschaftliche Thätigkeit, sein Unterricht, sein Umgang fand keine Schüler, keine Hörer mehr; rings erstand ein neues Geschlecht, welches nach andern Schätzen, anderen Besitzthümern verlangte und für die verlorenen Güter Ersatz suchte in Handel und Erwerb. Der alternde Gelehrte gab auch jetzt noch spärlichen Privatunterricht, er bewohnte dabei die Dachkammer, welche schon sein Vater bewohnt hatte; er besorgte die Correctur in der Zürndorfer'schen Buchdruckerei, er schrieb Grabschriften: wer wird die seine schreiben? Ob er wohl diesen Schmerz eines verfehlten Lebens jemals empfunden hat, ob jemals ein Gefühl des Neides ihn ergriffen, da die Zeit ihn so mächtig überragt und so weit überholt hatte, ob ihm selbst für diese gewaltige Strömung des geistigen Lebens ein Sinn und ein Verständniß geblieben? ich bezweifle es; denn darin lag eben das Eigenthümliche seiner Natur, daß fie die Genügsamkeit an irdischem Ruhme bis zur Verachtung der öffentlichen Meinung und die Bescheidenheit des Strebens bis zur Selbstverachtung steigerte. Ich habe oft bei dieser seltsamen Erscheinung an den unsterblichen Urheber der kritischen Philosophie denken müssen, und so abenteuerlich und haltlos beim ersten Anblicke eine solche Parallele erscheinen mag, so finden fich doch genug Momente und Anlässe, sie zu halten und zu unterstützen. Beide Männer verharrten immer im ledigen Stande, Beiden war ein fernes Lebensziel gesteckt, Beide waren und blieben von dem äußeren Leben, von der Welt und in ihren Beziehungen ausgeschlossen und versenkten fich in ihre Bestrebungen wie in archimedische Kreise, Beide begriffen und faßten das Leben mit der Unerfahrenheit des Kindes auf; Beide hatten ihr Dasein nach der Uhr geregelt; Beide haben ihre Heimath nicht verlassen und wußten doch von den ersten und den letzten Dingen, dem Höchsten und dem Niedrigsten, von allen Zeiten und allen Völkern zu reden und zu künden; Beide waren Männer der Entsagung und der geringsten irdischen Genüsse und Bedürfnisse; bei Beiden zeigt das Dasein eine vergeistigte, abstracto Gestalt; bei Beiden drängt sich das Dasein in eine Loosung zusammen. Und doch welch ein himmelweiter Abstand von dem großen Lehrer der Königsberger Akademie zu dem unbekannten Zögling der Fürther Talmudschule, von dem Erfinder neuer Denkgesetze zu dem armen jüdischen Compilator, von dem rastlosen Lehreiftr des Weltweisen zu der hastigen Thätigkeit des jüdischen Schriftstellers; von der olympischen Ruhe des großen Denkers zu dem unedlen Gleichmuthe des vergessenen Polyhistors, von der allgemeinen Verehrung unv dem Fortleben im zahllosen Schülerkreise, wie der Erfinder des kategorischen Imperativ sie erfuhr, zu der unerfreulichen Einsamkeit und Verödung, zu welcher der Kommentator des Jesaias sich verurtheilt sah. Jener hatte eine neue Religion gestiftet, als er vom Leben Abschied nahm, und Tausende feiner Schüler, seiner Bekenner umstanden seine Asche, spalteten sich in Secten und Schulen und führten dialektische Kampfspiele auf zur Verherrlichung seiner Manen. Dieser wird in Fürth zu Grabe getragen, von einem Geschlechts, das ihn kaum mehr kennt, dem er keine Lehrsätze zu vererben hat, das nur von Hörensagen einzelne seiner Schriften kennt. Der Letzte seiner Zeit, wird ein Stück Kulturgeschichte mit ihm begraben; der Letzte seines Geschlechtes, versenkt man mit ihm das Wappenschild, unter dem er gejochten, die Heiligthümer, die er verehrt, die Erinnerungen, die er überkommen, deren alleiniger Träger er war. Doch eilen wir, die ernsten Züge des wunderlichen Mannes noch unserem Gedächtniß einzuprägen, bevor die letzte Schaufel mit Erve herniederrollt auf seinen Hügel, bevor fremde Lippen kalt und ungerührt das Todrengebet sprechen. Es ist ja doch einer der Lehrer in Israel, den sie da hinabsenken, einer der Schriftkundigsten in zwei bis drei Menschenalrern, ein Nestor der heiligen Wissenschaft. Von diesen geschlossenen Lippen strömte einst der ganze Wohllaut der heiligen Sprache Salems, an diesem blassen Munde hing einst das Ohr lernbegieriger Jünger; diese starre Hand führte jüngst noch den Griffel und schrieb, wenn auch nicht auf Tafeln von Erz, doch immerhin Worte des Lebens. Auch gehört dieser Mann einer Zeit an, die noch in ihren Abirrungen und Auswüchsen das Ungewöhnliche liebte; einer Zeit der Originale, die aus ihre Bildungen den Stempel des Seltsamen drückte, einer Zeit, die eher zehn Sonderlinge schuf als einen Alltagsmenschen, einer Aera, die da, wo ihr das Große und Vollkommene nicht gelang, das Wunderliche und Ereerurische ausbildete,

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