Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 35 (23.8.1858)
- Date
- 1858-08-23
- Page
- Seite 475 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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475 mit seinem Landsmanne Hermann Schwabacher, der ihm vor einigen Jahren im Tode vorangegangen, edirte er eine gelungene Uebersetzung von Zedaia Penini's tabl* mwa. — Im Jahre 1846 erschienen die Briefe über den More des Maimonides mit deutscher Uebertragung Fürth, bei Zürndorser und Sommer; — 1848 die Analekten aus den Schriften des Maimonides, ebendas.; — 1851 Proben morgenländischer Weisheit — ünp ^2 rrarDtt (aus hebräischen, arabischen und chinesischen Autoren); — 1854 Balsam gegen den Kummer yijpji aus dem Hebräischen des R. Schem tob Palkira, ebendaselbst. — Betrachten wir diese verschiedenartigen Publicationen, so drängt sich uns der Gedanke auf: nicht aus innerem Berufe, nicht aus schöner Freude am Schaffen und Gestalten seien diese Schriften hervorgegangen. Nicht durch lange und eifrige Beschäftigung mit dem Gegenstände ist die Arbeit dem Autor selbst nothwendig geworden: der unedlen Noth verdanken diese Hefte ihr Dasein; in der ganzen Hast und Flucht des Moments find sie entstanden, nicht langsam gereift unter dem Einflüsse günstiger Stunden, sondern, invita Minerva, unfertig in die Oeffentlichkeit geschleudert. Nur die Briefe über den More machen eine rühmliche Ausnahme; mit dem Studium des Maimonides und besonders des More Nebuchim hat sich der Verfasser mit Vorliebe und nicht blos vorübergehend beschäftigt. Wer nach Schätzen gräbt, wird zwar auch in den übrigen Heften manches Korn gediegenen Goldes finden; aber für die große Sendung jüdischen Geistes sind sie von geringem Belang, von den Bestrebungen der Neuzeit längst überholt; und mit Recht hat die Wissenschaft sie verworfen und von ihrem Dasein nur geringe Notiz genommen. Um so mehr find sie für den Verfasser von anklagendem Gewicht; denn der Mann, der spielend solche Splitter seines Wissens und Forschens der Welt gegeben hat, war berufen zu einer besseren geistigen That, wenn er Energie und Ehrgeiz genug gehabt hätte, nicht sein Dasein zu verträumen. Um aber zu ermessen, in welchem Grade und Umfange diese Bestrebungen verfehlte zu nennen sind, halten wir uns zuerst das Bild dieses seltsam gearteten Geistes vor Augen. So traurig die Verirrungen des Talents und des Geistes sind, so lehrreich und interessant find sie. David Ottensoser war seinem ganzen Bildungsgänge nach Autodidakt, aber er hatte durch seine eisernen Anstrengungen mehr gelernt, als ihn die Schule je hätte lehren können. Bietet schon die geistige Entwickelung der Autodidakten^stets den Anblick eines Unfertigen und Zerrissenen dar, so steigerten sich bei ihm noch diese Mängel um ein Beträchtliches, weil er eben in allen Dingen anders war als die große Menge der Sterblichen. Die Methode, die Art und Weise aber seiner Studien hat der Quantität seines Wissens mindestens keinen Eintrag thun können. Ueberschauen wir diese Hülle des Erkannten und geistig Erworbenen, so müssen wir einräumen, daß Ottensoser würdig neben jenen berühmten Polyhistoren des Alterthums, besonders der Alerandrinischen Literatur stehen dürfte. Sein Geist beherrschte nicht nur das ganze Schatzhaus rabbinischer Wissenschaft, er hatte fast alle jüdischen Dichter und Religionsphilosophen gelesen. Im Arabischen besaß er für seine Zeit ungewöhnliche Kenntnisse; in den classischen Sprachen hatte er eine frühe Fertigkeit erlangt, doch ihm blieben sie nur ein philologisches Hülfsmittel. Der tiefe Gehalt antiker Darstellung, das Geheimniß der Schönheit, die große Welt der Alten, das Ewig-Menschliche darin war und blieb für ihn verschlossen. In derselben Weise hatte er neuere Sprachen erlernt und ein umfassendes Wissen in Philosophie und Geschichte erworben. Mit seiner Gelehrsamkeit Hand in Hand ging die ungewöhnlichste Gedächtnißkraft. Sein Gedächtniß erregte oft unter seinen Freunden Erstaunen nicht blos durch die mechanische Fertigkeit, todte Worte und Namen zu reproduciren, sondern durch die ungetrübte Klarheit der Erinnerung, durch die stille Ruhe der rückgewandten, rückwärts schauenden Seele. So erinnert er an jene Gelehrten früherer Zeit, welche durch die mangelnden Hülssmittel, durch die Seltenheit der Bücher und Schriften allein auf den lebendigen Vortrag und auf das Festhalten des Vernommenen angewiesen waren. Ottensoser war beredt, er sprach besser als er schrieb; er sprach gern, und leicht strömte ihm das Wort von der Lippe. Doch diese Beredsamkeit, anstatt eine Schaar nachwachsender Schüler anzuregen und anzuspornen, erging sich meist in nichtssagenden Debatten vor Zuhörern, welche ihm selten geistig ebenbürtig waren und ihn noch seltener verstanden. Hörte man ihn so an einem Tische des Kaffeehauses, das er täglich besuchte, über alle Gebiete des Wissens und des Lebens sich äußern, so war es als ertönte eine Stimme aus dem Grabe: Anschauungen, Gedanken, Aussprüche eines frühern Meuschenalters wurden hier vernommen; der Geist, aus dessen Tiefen solche Mittheilungen flössen, schien in allen Zeiten heimisch, nur nicht in der seinen. Jedes Wort, das er sprach, drückte die Wahrheit aus: Unter der Erde schon liegt meine Zeit. Dennoch hat dieser Polyhistor in frühern Jahren einen nicht unbedeu-