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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-08-23 · Heft 35 (23.8.1858) · p. Seite 474

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 35 (23.8.1858)
Date
1858-08-23
Page
Seite 474 (sequence 4)
Language
German
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474 derling, um völlig übersehen werden zu können; und wo er seine Mitwelt nicht überragte, da wich er doch in wesentlichen Stücken von ihr ab. Mit ihm ging ferner ein Stück der guten, alten Zeit zu Grabe; eine lebendige Probe des vorigen Jahrhunderts und seiner Bestrebungen. David Ottensoser war geboren zu Fürth, zu einer Zeit, als die talmudische Wissenschaft dort noch auf dem Throne saß und Hunderte von begeisterten Schülern um sich versammelte. Von diesen war Ottensoser einer der begabtesten, scharfsinnigsten. Von seinem gelehrten Vater hatte er das ganze Arsenal populistischer Schärfe, rabbinischer Belesenheit und Dialektik ererbt. Viele in Fürth werden fich noch dieses Vaters erinnern; R. Hirsch Ottensoser, der arme Handelsjude, ist ja erst vor etwa 16 Jahren gestorben, ein Mann, an jüdischer Gelehrsamkeit seinem Sohne gleich, an Größe des Geistes, an Würde des Charakters ihm überlegen. Das war aber auch Alles, was der Vater dem gelehrten Sohne Nachlassen konnte; denn David Ottensoser war und blieb an irdischen Gütern der Aermste der Armen. Zum Theil durch eigene Schuld, denn es ist schwer zu sagen, ob die Kleinheit seiner Umgebung, oder die engen Grenzen seines Strebens ihm eine würdigere Stellung im Leben verwirkt haben. Ottensoser gehört zu den Epigonen der Mendelssohns'- schen Zeit; nicht fern vom Sterbejahre des Weisen von Dessau liegt das Jahr seiner Geburt. Die schöne Morgenröthe, welche damals in dem geistigen Leben des deutschen Judenthums aufging, sie ergriff auch ihn mächtig; doch ste ergriff ihn nur von außen, sie durchdrang und erwärmte ihn nicht, sein Geist war nur geschaffen für das Formelle; für die Idee und für die geistige Befreiung hatte er kein Organ. Die neue Richtung der jüdischen Wissenschaft, die Anregungen der Zeitschrift und ihrer jüngeren Schwestern, das encyclopädische Streben, die Einflüsse der kritischen Philosophie, die neue Bewegung im Schriftthume, die Arbeiten und Leistungen der biuristischen Schule: dies Alles gab seinem Geiste die erste Nahrung. Ottensoser ward der talmudischen Wissenschaft untreu, er verließ die unblutigen Kämpfe der Schiurstuben und trat über in das Lager der Vielseitigkeit, der Allseitigkeit. In den öden Mauern seines ärmlichen Zimmers eingeschloffen, begann er die Weisheit alter und neuer Zeit zu studiren. Von da beginnt das Irrige und Verkehrte seines Strebens: Ottensoser hatte das Unglück, ein Wunderknabe, ein Wunderjüngling zu werden. So sehen wir oft in der Geschichte edler Bestrebungen eine nicht ungewöhnliche Kraft unsere Erwartungen tauschen, weil eine kleine Umgebung sie zu früh auf den Schild gehoben, um ste dann lieblos wieder fallen zu lassen, auf daß ste am Wege verkümmere. Ottensoser las nun, er las viel und Vieles, ja, er las Alles, was ihm ein neckischer Zufall in die Hände führte. Er hat Alles gelesen, nur kein Complimentirbuch. Lessing. Und mit welchen Anstrengungen studirte er, mit welcher Selbstverläugnung machte er fich die Schätze des Wissens zu eigen, welche Kämpfe, welche Entbehrungen waren erforderlich, um unter so ungünstigen Umständen, auf so unergiebigem Boden die Früchte der Erkenntniß zu pflücken! Er selbst erzählte oft, wie er beim Schein einer glühenden Kohle die Anfangsgründe der arabischen Sprache erlernt habe, wodurch er denn seine Augen für alle Folgezeit verdarb. Immer aber blieb dieser rastlos Strebende in Fürth; nie vielleicht hat er seine Vaterstadt verlassen, wenigstens nicht um mehr als einige Meilen. Ja, man erzählt, als unter den Auspicien des Königreichs Westphalen eine Synode norddeutscher Rabbiner und Gelehrten zusammentrat, daß an ihn ein Ruf ergangen sei, dieser Versammlung als Schriftführer seine Dienste zu widmen. Schon saß er im Postwagen, schon waren mehrere Stationen zurückgelegt, da erwachte in ihm das Heimweh mit all seinen unheiknlichen Qualen, und er kehrte stehenden Fußes wieder zurück. In die Geschichte der jüdischen Wissenschaft hat dieser sonderbare Geist seinen Namen durch eine Reihe von Arbeiten von sehr ungleichem Werthe eingezeichnet. Die erste und bedeutendste dieser Schöpfungen ist seine Uebertragung des Jesaias mit einem hebräischen Kommentar. Sie wird von Gesenius ehrenvoll erwähnt, und nimmt noch jetzt in der Eregese dieses Propheten einen rühmlichen Platz ein. Die beste Kraft seines Lebens kam diesem Werke zu statten, leider gedieh es aber nur bis zum 40. Capitel; die Schwäche seiner Augen verhinderte ihn an der Vollendung. Diese Uebersetzung erschien zuerst im Jahre 1807. — Eine Geschichte der Juden vom babylonischen Eril bis auf die Neuzeit erschien von ihm in hebräischen Typen in drei Bänden, im Verlage des Buchhändlers Salomon Schleßinger in Fürth, Vaters des Dr. Wolf Schleßinger, des Uebersetzers von Albo's Jkkarim, der nach einem vielbewegten Leben 1854 zu Frankfurt am Main starb. Diese Geschichte ist ein Muster der unkritischen, gemüthslosen und flüchtigen Schreibart. — Ein gleiches Urtheil müssen wir über seine Rabbinische Chrestomathie in zwei Heften fällen; — wie nicht minder über ein Heft rabbinischer Sagen und Legenden.— In Verbindung

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