Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 35 (23.8.1858)
- Date
- 1858-08-23
- Page
- Seite 472 (sequence 2)
- Language
- German
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472 Selbstbestimmung in sich haben — denn auch der Mensch wird ohne diese und entwickeln sie sich erst in ihm — die Ursache ihres Werdens nicht in fich tragen können, daß der Gedanke, nach welchem sie, und die Kraft, durch welche sie werden, außerhalb ihres Wesens vorhanden sein müssen, daß also ein höheres Wesen sein muß, in welchem die Ursache alles Vorhandenen zu suchen. Dies ist das Einzige, was der Menschengeist wirklich begreifen kann; und so ist es nicht ein Unbegreistiches, Gott, wodurch der Deismus das Unbegreifliche, den Ursprung der Dinge erklären will, sondern vielmehr das einzig Begreifliche für den Menschen. Atheismus und Pantheismus thun dem Menschengeiste geradezu Gewalt an, und wollen ihn zwingen, aus aufgenöthigten Motiven seine ganze Denkweise zu verläugnen, aufzugeben, seine ganze Möglichkeit vorauszusetzen, zu folgern und zu schließen. Der schönste Sieg des Deismus besteht daher darin, daß, sobald wir den Irrgarten der Dialektik verlassen, Alles für seine Lehre spricht, Verstand, Herz und Entwickelung der Menschheit allein seine Rede predigen. Beginnen wir mit der Letzteren. Selbst in den ältesten Religionen und Mythologien, deren Grundlage ihrer Ursprungsweise gemäß pantheistisch war, that fich überall das Streben kund, aus der Jdentificirung Gottes mit den Raturdingen herauszukommen, und die Trinität der Inder, der Dualismus der Parsen und die Göttergestalten der Griechen und Römer waren zu Persönlichkeiten geworden, welche mit den Wesen und Erscheinungen in der Natur nichts mehr gemein hatten. Israel war es, welches die Menschheit ganz davon befreite, Gott nicht aus den Dingen, sondern die Dinge aus Gott erklärte, Gott nicht in der Welt, sonvern die Welt in Gott lehrte, kurz die Welt als das Werk des göttlichen Schöpfers, von seinem Gedanken und seinem Willen erfüllt, verkündete. So war die Lehre Israels allerdings die Erfüllung dessen, wonach die Völker in ihren Religionen und Philosophemen getastet und gesucht hatten. Und mag nun der Dogmatismus immer wieder diese Lehre mit Symbolen und Mysterien umgeben haben, so macht sie sich dennoch mitten in diesen und durch sie hindurch sieghaft, und alle Entwickelung der Menschheit strebt nach ihrer vollständigen Herrschaft hin. Der Atheismus konnte niemals, der Pantheismus nur auf der untersten Stufe die Basis einer menschlichen Gesellschaft sein, nur der Deismus giebt eine feste sittliche und intellektuelle Grundlage, auf welcher fich eine entwickelte Gesellschaft erheben, auf welcher Cultur und Civilisation gedeihen können. Wo und wie irgend das menschliche Herz seine Tiefen erschließt, seine Quellen öffnet, seine Fühlfäden ausstreckt, da ist es allein der lebendige, über die Wesen erhabene, unendliche und heilige Gott, welchen es fühlt, von welchem es erfüllt, in welchem es befriedigt wird. Vor dem eisigen Hauche des Atheismus und Pantheismus gefrieren all die rieselnden Quellen des Herzens, all die Strömungen seiner Gefühle. Ob unser Auge in den Sternenhimmel der Nacht, über grüne Matten und Wälder zu den schneebedeckten Höhen, über die schäumende Brandung auf dem grünen Rücken des Oceans schaut, oder ob es sich in die Tiefen eines liebeerfüllten Menschenherzens, in die Gefühle der Freude oder Trauer, der Hingebung und Aufopferung, oder Entsagung und Resignation versenkt, überall begreift unser Herz nur Eines: den schaffenden, ordnenden, waltenden Gott, nur zu diesem erhebt es sich, nur in diesem fühlt es, durch was es gehoben und beseligt wird. Und so ist es auch der gesunde Menschenverstand, die durch keine Künste der Dialektik, durch keine Lockung der Sophistik verleitete Vernunft, welche die Lehre des Deismus allein begreift, auf sie allein sich aufbaut, in ihr allein ihrer selbst bewußt wird, auf ihr sich sicher fühlt, und alle Urtheile und Schlüsse in ihr zu einer Einheit kommen sieht, welche ihre Fragen und Räthsel zu einer befriedigenden Lösung bringt. Aber von welcher Bedeutung auch die Stimme des Herzens, von welcher Wichtigkeit die Sprache des Menschenverstandes ist, sie waren nicht im Stande, den Deismus zu schaffen, und vermögen allein nicht, ihn zu stützen. Wenn die Mythologien des Alterthums aus dem Pantheismus herauöstrebten, so führten seine Philosopheme sie geradezu wieder dahin zurück. Der Versuch, den Sokrates zu einem Deismus machte, wurde unter den Fingern seiner nächsten Schüler schon zerrieben und vom Aristoteles zerdrückt. Höchstens lebte er noch ein schwaches Dasein bei einigen Eklektikern. Eben so hat der Rationalismus der neueren Zeit, als er von seiner historischen Grundlage sich emancipiren und auf seine eigenen Füße stellen wollte, seine vollständige Unzulänglichkeit erwiesen. Vor Kants,,Kritik der reinen Vernunft" verblaßten die „Morgenstunden" Mendelssohns schnell und Herders Opposition erlahmte, eben so wie der ganz jüngste populäre Rationalismus vor dem Andrang der Zeit verflatterte. Der wahrhafte Deismus ward der Menschheit von der Religion Israels gebracht, und hat in ihr fort und fort seine ewige Grundlage. Dieser Deismus, der eigentliche Inhalt der meuschengeschlechtlichen Entwickelung, findet seine Bewahrheitung in der Uebereinstimmung mit der Menschen-