Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 34 (16.8.1858)
- Date
- 1858-08-16
- Page
- Seite 466 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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466 schäftsmann wäre, der eines Tages von Sir Moses Montefiore reiche Almosen erbettelte, und am folgenden Tage, als er glaubte, Sir MofeS komme an baarem Gelde zu kurz, ihm ein Darlehen zu IvpCt. Zinsen für den Monat offerirte. Preußen. AuS dem Großherzogthum Posen, 13. Juli. (Privatmitth.) In der Stadt Kempen fand kürzlich ein seltenes Drama statt, nämlich die Beschneidung eines zum Judenthum übergetretenen christlichen Handwerkers. Zwei anderen Proselyten ward jedoch von den praktischen Juden die Aufnahme auf so lange verweigert, bis sie sich über einen genügenden Lebensunterhalt legitimirt.*) Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, 6. Juli. Die „A. A. Z." enthält folgenden trefflichen Artikel: Man betrachtet hier die nun auch im englischen Oberhaus durchgegangene Judenbill als ein Werk von bedeutender Tragweite. Das Ereigniß ist besonders für Oesterreich von Wichtigkeit; die Unzukömmlichkeiten, welche sich hier aus der praktischen Ausführung der provisorischen Verordnung vom 2. October 1853 über die rechtliche Fähigkeit der Israeliten zum Realbesitz ergaben, die ungleichartige Stellung der Juden in den verschiedenen Provinzen des Kaiserstaats, endlich der Widerspruch zwischen den alten Judengesetzen einerseits, und unserm gegenwärtigen handelspolitischen System und dem Geist der neuösterreichischen Provinzen andererseits, haben bei uns längst dazu beigetragen, die Judenemancipation zu einer der vielen brennenden Fragen zu machen, welche mit voller Berechtigung ihre befriedigende definitive Entscheidung von der allernächsten Zeit erwarten. Man ist hier voll Anerkennung für die Ausdauer des englischen Parlaments, und voll nicht geringerer Bewunderung des TacteS, mit welchem der Chef deS Torycabinets, Lord Derby, es verstanden hat, im Kampf mit den Traditionen und Principien seiner Partei den Forderungen der Zeit in einer Frage *) Es ist dies keine Folge des „praktischen" Sinnes, sondern des Gesetzes der Juden, keine Proselyten anzunehmen, bei denen sich äußere Motive vorauSsetzen lassen. Redact. d. A. Z. d. Judths. zu genügen, von der er wußte, daß ihre Lösung, wie sie jetzt erfolgt ist, eben so sehr in den Wünschen der Nation als in den Anforderungen der Gerechtigkeit liege. Der Vorgang in England ist zugleich außerordentlich lehrreich für uns. Die englischen Staatsmänner sind nicht gewohnt, ein großes Prinrip auszusprechen und es beim ersten Windstoß, der sich dagegen erhebt, sogleich wieder zurückzuziehen. Sie verstehen eS vielmehr, trotz Wind und Wetter ihr Schiff in den Hafen zu bringen, früher oder später; sie wissen zwar zuweilen zu laviren, aber — sie kommen doch hinein. Hätte Lord Palmerston oder ein Radicaler die Maßregel durchgeführt, so würde sie in den Augen vieler Oesterreicher etwas Gehässiges gehabt haben. Aber daß ein Tory es ist, und ein Tory von so altem und so edlem Blut wie Lord Derby, der die Judenbill im Oberhaus durchbrachte, hat allen unfern Conservativen, auch denen vom reinsten Wasser, den Beweis geliefert, daß es sich bei der Frage der Emancipation der Gewissen und der Freigebung des Cultus nicht um ein Parteiprincip, sondern um eine einfache Forderung der Gerechtigkeit handelt. In Oesterreich ist es schon lange der Wunsch aller Gemäßigten und Einsichtigen gewesen, daß der unwürdige Rechtszustand der Israeliten aufhöre. Schon vor zwanzig Jahren etwa, also in einer nicht sehr günstigen Epoche, hat der Professor der Statistik und Politik an der Olmützer Hochschule, Scan, in einem Werke die auf diesem Gebiete bestehende Rechtsungleichheit hervorgehoben. Zu Zeiten, als Ungarn noch dem Gesammtstaat fern stand, als die Freiheit der Kirche noch nicht proclamirt war, als die katholische Kirche selbst noch in den Banden bureaukratischer Bevormundung lag, zu solchen Zeiten war es begreiflicher, wenn Niemand sich über den auf den Juden lastenden Druck beschwerte, ihn als ein Unrecht bezeichnete. Jetzt aber, wo der katholischen Kirche in Oesterreich eine Freiheit der Action cingeräumt ist, wie sie in keinem Staate der Welt eristirt, wo die bureaukratische Ueberwachung der religiösen Interessen nicht nur aufgehört hat, sondern unmöglich gemacht ist, verliert die staatliche Bevormundung der Juden als solcher jeden Sinn. Es ist nur der Krobianus Lustrisous vulgaris, der den grundsätzlichen Judenhaß mit seinem mittelalterlichen Zugehör in der Seele trägt; der gebildete Oesterreicher ist fest überzeugt, daß auch unserm Lande zu rechter Zeit ein Lord Derby nicht fehlen wird.