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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-08-16 · Heft 34 (16.8.1858) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 34 (16.8.1858)
Date
1858-08-16
Page
Seite 462 (sequence 6)
Language
German
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462 richten mitgetheilt von der Verbesserung des Gottesdienstes durch Gesang, so wie sich auch hier und da das Streben kund giebt, durch Einführung der Orgel die gottesdienstliche Andacht zu erhöhen. Beobachten wir das gewiß lobenSwerthe Streben der Gemeinden einerseits, so muß uns andererseits die Frage nahe liegen: Woher kömmt eS, daß man bei einer sehr großen Anzahl jüdischer Lehrer so wenig Sinn für Musik und Gesang findet, da dieselben nicht nur für daö Gotteshaus vorzuarbeiten haben, sondern auch, da die Pflege und Ausbildung des Gesanges einen integrirendcn Theil der Pädagogik bildet, denselben nicht Rechnung tragen? Ich weiß keine andere Aufklärung zu finden, als die, weil so viele Lehrer, die den Cantordienst nicht versehen, das Studium der Musik im Allgemeine» und des Gesanges insbesondere nicht für nothwendig halten, den Gesang nicht als einen obligatorischen Unterrichtsgegenstand der Schule betrachten, sondern als eine Nebensache, bei der es genüge, einige Lieder für das öffentliche Schuleramen, Confirmation oder sonstige außergewöhnliche Gelegenheiten einzuübcn. Es bleibt immer eine auffallende Erscheinung, daß jüdische Lehrer hierin sich nicht durch das Streben ihrer christlichen College» angespornt fühlen, und abgesehen von der Einsichtsnahme der pädagogischen Wichtigkeit, die ernstliche Betreibung deS fraglichen Gegenstandes als eine Ehrensache betrachten. — So wie jeder Unterrichtsgegcnstand stufenmäßig vom Leichtern zum Schwerer» fortschreitend behandelt werden muß, so ist dieses auch beim Gesangunterricht der Fall, und darum lächerlich, wenn Lehrer ohne vorherige didaktische und methodische Uebung auf einmal nolens volens, weil eS etwa die Nothwendigkeit gebietet, einen sogenannten Chorgcsang aufführen. Ich sage einen sogenannten Gesang, weil ein solcher in der Eile geschaffener in der Regel eher ein Brüllen oder Schreien zu nennen ist. Wie kann eS auch anders sein? Die Stimme ist noch in ihrem Naturtonc, weil selbige in Ermangelung gründlichen Unterrichts nicht geglättet, verfeinert, schmieg- und biegsam, kurz für das zartere Ohr nicht empfänglich und zugänglich gemacht wurde. Der Lehrer singt vor, die Kinder schreien nach. — Wenn eS jedem denkenden Menschen klar sein muß, daß der Lehrer durch Vernachlässigung des Gesanges die Hebung des Gottesdienstes, wenigstens in seinem musikalischen Theile, hindert, so dürfte es namentlich dem Schulmanne schon Pflicht sein, dem Gesang mehr als es bisher geschah, seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, da die berühmtesten Pädagogen älterer und neuerer Zeit den Gesang in der Schule als nothwendig erachten. Luther sagt, nachdem er den Werth der Musik in der Art gewürdigt, daß er ihr nach der Theologie den nächsten Locum und die höchste Ehre gegeben hatte: „Ein Schulmeister besonders muß sin- „gen können, sonst sehe ich ihn nicht an. Singen ist „die beste Kunst und Uebung. ES hat nichtö zu thun „mit der Welt, mit Gericht und Hadersache. Sänger „sind fröhlich und schlagen die Sorgen mit Singen hin- ,,weg..So weit Luther. Wahrlich, der Mann hat in ungeschminkter Rede die Wahrheit gesprochen, und daß Luther Pädagog und Lehrer war — ich scheue mich nicht, dieses als jüdischer Lehrer auszusprechen — wird auch der israelitische Schulmann, der die Geschichte deS Unterrichts- und Erziehungswesens mit unbefangenem und unparteiischem Blick gelesen, eingestehen müssen. — Niemeier ist der Ansicht, „daß eS in der Thal in „einem Haufe und in der Schule, wo keine Saite ge- „rührt wird, keine menschliche Stimme singt, an etwas „Wesentlichem bei der feineren Erziehung zu fehlen „scheint." — Schon die Griechen und ihre Gesetzgeber schienen das Verhältniß der Musik zur Pädagogik aufgefaßt zu haben. Die kriegerischen Lacedämonier lernten die Gesetze ihres Lykurgs singend, erkannten die Musik als einen Hauptgegcnstand der pädagogischen Disciplinen. — Bei meinem sechsjährigen Aufenthalte in Norddeutschland fand ich, daß es den israelitischen Lehrern freigestellt war, ob sie den Gesang in der Schule betreiben wollen, und da dieselben keine äußere Anregung hatten, so wurde mehrerwähnter Unterrichtsgegenstand entweder gar nicht — rühmliche Ausnahmen giebl'S überall, eS sind aber auch nur Ausnahmen — oder doch sehr stiefmütterlich behandelt. Darum sind wir pfälzische Lehrer hoher königlicher Regierung sowohl, als auch unfern wackern und strebsamen Rabbinern*) und den übrigen Behörden zum innigsten Danke verpflichtet, daß wir fraglichem Gegenstände unsere Kraft widmen müssen, da die preiswürdigen Schulgesetze solche verlangen. Freilich, der gewissenhafte Lehrer bedarf weniger einer äußeren Anregung, denn „der beste Inspektor sitzt in der Brust deS Lehrers"; doch ist eS hier und *) Von Seiten unseres würdigen Herr» Rabbiners Seligman, des eifrigen Förderers des Israel. Literaturvereins, werden zur Veredlung des Gottesdienstes durch Gebet und Gesang fortwährende Anstrengungen gemacht.

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