Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 34 (16.8.1858)
- Date
- 1858-08-16
- Page
- Seite 459 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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459 die Fügung, welche in dem Zusammentreffen der Erscheinungen und Vorgänge innerhalb der Natur waltet, das nicht durch das unbedingte Gesetz erklärt werden kann und der Pantheismus daher Zufall nennen muß. Somit ficht der Theismus in der That nur gegen Windmühlen und lehrt .nur, was der Deismus Moschehs, Davids und der Propheten längst gelehrt. Auch hier haben wir nur wieder ein Beispiel der modernen Selbstüberschätzung, welche stets bereit ist, zu ihren Gunsten die historische Wahrheit zu verletzen. Andererseits können wir auch in ihm eine kräftige Kundthuung und Vertheidigung der Lehre des Judenthums erblicken, wenn auch unbewußt, zu deren Diensten. Großbritannien. Die Judenbill ist nun auch in dreimaliger Lesung durch das Unterhaus gegangen, und bat somit, da die königliche Sanktion nicht zweifelhaft ist, Gesetzeskraft erlangt. Baron Lionel Rothschild wird somit den ihm so lange vorenthaltenen Sitz im Unterhause einnehmen. Was nun auch torystische und festländische Blätter in kleinlichster Weise über die letzten Motive des glücklichen Ausgangs heranbringen, eS sind die Principien der Gewissensfreiheit, der bürgerlichen Gleichberechtigung, welche diese Bill hervorriefen und in ihr einen neuen, glänzenden Sieg feiern. Die fünfundzwanzigjährige Wiederholung des Antrags, die immer wachsende Mehrheit im Unterhause, die immer erneuete Wahl der City find keine Momente, die aus kleinen Motiven, aus individuellen und localen Einstüssen sich erklären lassen, und noch weniger kann schließlich die Nachgiebigkeit des Oberhauses, dieser großen aristokratischen Macht, anders als aus der unwiderstehlichen Gewalt der das englische Staats- und Volksleben beherrschenden Grundsätze entsprungen, gedeutet werden. Wünschen wir also England, wünschen wir unserer Zeit, wünschen wir uns selbst Glück zu diesem Ergebniß. Es ist hier kein plötzlicher Umschwung aus einer revolutionären Bewegung, der durch eine wieder eintretende Reaction wieder beseitigt werden könnte — es ist ein allmählig, mitten in der konservativsten Strömung erzieltes Resultat einer vernunftgemäßen Entwickelung. Dies ist das bedeutendste Moment in unsrem Factum. Es ist unS daher sehr willkommen, daß wir diese Gabe aus den Händen eines torystischcn Ministeriums entgegenzunehmm hatten. Dennoch aber wollen wir darüber nicht deS ManneS vergessen, der sich dieser Angelegenheit unermüdlich unterzogen, der sie durch alle Chancen mit konsequentester Ausdauer getragen und seinen Namen mit ihr identificirt hatte, des Lord John Russell. Und ob wir auch manchmal uns veranlaßt fühlten, an seiner Energie zu zweifeln, so war er es doch, der Stein für Stein zu diesem Bauwerk zusammentrug, und war es nun auch einer anderen Hand gegeben, den Schlußstein einzufügen, so soll jenes dennoch auf den Tafeln unsrer Geschichte den Namen*Lord John Russells tragen. — Es kann daher nur als eine Carricatur erscheinen, wie sich das Schicksal öfters in solchen gefällt, wenn in demselben Augenblicke, wo die Königin Victoria in ihrem Reiche, in welchem die Sonne niemals untergeht, den Juden die Thore des Parlaments öffnet, Lippe-Detmold den zwei Dutzend Israeliten, die in ihm wohnen, das active und passive Wahlrecht abspricht, aus Furcht, daß seine Landstände, wenn an deren Wahl jene zwei Dutzend theilnehmen, oder wenn gar Einer von diesen hineingewählt würde, entchristlicht werden könnte. Daß diese herrliche deutsche Nation, die doch im Großen so groß ist, zugleich im Kleinen so klein ist! Zeitungsnachrichten. Deutschland. Württemberg, im Juli. (Privatmitth.) An Rabbinen haben wir noch immer Mangel. Rabbiner Salem hat sein Amt aufgegeben; daö durch seine Amtöresignation erledigte Rabbinat LehrensteinSfeld wurde dem Rabbinen Kallmann in Butenhausen übertragen. Kirchenrath Maier wies den Rabbinen in sein neues Amt ein; alle Kirchenvorsteher des Bezirks waren bei dem feierlichen Acte der Installation zugegen. Rabbiner Salem hat sich in Stuttgart niedergelassen und widmet seine Kraft der Literatur und der Verbreitung jüdischer Wissenschaft durch Privatunterricht. Ein Artikel in dem „Beobachter": „Der württembergische Advocatenstand" gießt seinen Brotneid in bitterer Galle über Juden und Judenthum aus. So klagt er: „Da die Jus studirende Jugend nur in der Advocatur ihr Brot suchen kann, so wird dieselbe in kurzer Zeit mit Juden überfüllt sein." Weiter klagt er: „Die bündigsten Zusagen pünktlicher Zahlung werden nicht gehalten und oft ist der Advocat selbst bei gewonnenen Processen den schmutzigsten Zudringlichkeiten von christlichen und israelitischen Juden wegen Nachlässen 34*