Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 33 (9.8.1858)
- Date
- 1858-08-09
- Page
- Seite 448 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226093-3226127--17081-3245973- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
448 bauen, bevor sie in ihr letztes Haus gegangen, darbte und arbeitete er und rang sich empor und machte das Erworbene zur ferneren Stufe in die Höhe, und nun war es ihm geglückt, und er konnte es sich nicht versagen, seine ersten Ersparnisse selbst nach der Heimath zu bringen und so lag er in den Armen seiner alten Eltern, und konnte ihre ganze Zukunft sickern, und mit diesem beglückten Herzen zu seinem Berufe jenseit des Meeres zurückkehren. Zu dieser Freude wurde ich-gerufen, dem es von Zeit zu Zeit gegönnt gewesen, die braven Alten zu unterstützen. Und einen solchen Moment zu erleben wünsche ich Jedem, der ein Herz hat, ihn zu empfinden. Dieser starke, junge Mann, der nicht blos mit seinem Geiste so viele Leiden und Mühen ertragen, und um dieser Stunde willen so viele Entbehrungen gelitten, sondern dessen Körper auch sich in der Schule so vieler Mühseligkeiten kräftig entwickelt hatte, und dessen Haltung durch das bewegte Leben und in dem freien Amerika so männlich geworden, dieser starke junge Mann schluchzte und weinte wie ein Kind in den Armen der zitternden Eltern, die vor Uebermaß der Freude sich kaum aufrecht erhalten konnten. Ja, das war der lebendige Gott, der in dem Herzen des Menschen die unerschöpflichen Quellen der Liebe geöffnet, die nun ihren himmlischen Thau fort und fort durch die Seelen rieseln lassen, solcher Liebe, welche den Jüngling über das Meer trieb, und über den Rücken des Oceans zurückführte, welche ihn Jahre lang arbeiten und darben ließ, nur um die letzten Tage der Eltern mit dem Rosenschimmer ungeahnten Glückes zu beleuchten. Erkläre dies, Mann der Materie, aus welchem Stoffe diese Stunde sich zusammengefunden. Erkläre dies, Mann der Nothwendigkeit, welches das Gesetz, nach welchem der Jüngling all diese Jahre so thun mußte und gar nicht anders konnte — Du vermagst es nicht, denn es sind die Spuren des lebendigen Gottes, es ist sein Odem, den er dem Menschen „in die Rase gehaucht!" Vor einiger Zeit erhielt ich einen Brief aus Paris, der mir den Tod eines Mannes anzeigte, den ich seit früher Kindheit gekannt. Er war von kleiner, unansehnlicher Gestalt, aber mit einem höchst geistreichen Gesicht und den lebhaftesten dunklen Augen. Er war der Sohn einer armen Wittwe, welche sich und ihr Kind mit dem Gewerbe einer Köchin ernährte, bis — sie es eben nicht mehr vermochte. Aber in die Seele des Knaben war eine unüberwindliche Liebe zur Wissenschaft gekommen, es war ein Stück jener großen menschlichen Geisteswelt in seine Seele gefallen, welches den Leib verzehrt, der es zu tragen bestimmt ist. Sein ganzes Leben war dem Sterne gefolgt, der ihm am Morgen aufgegangen. Und welch ein Leben! Ohne Mittel, ohne Freunde hatte er immer und immer zu kämpfen um die nächsten und unentbehrlichsten Bedürfnisse, und auf welch geringes Maß hatte er diese zurückgeführt! »Niemals habe ich ihn bedauert, daß er die Freuden des Lebens so wenig genossen, denn dafür hatte er Freuden, lauterere, innigere, dauerndere aus dem Borne der Wissenschaft geschöpft. Aber wenn ihm die wichtigsten wissenschaftlichen Mittel zur Fortführung seiner Studien, zur Ausführung seiner Pläne fehlten, wenn er selbst das Geringe kaum zu erschwingen vermochte, was er brauchte, weil er es nicht über das Herz bringen konnte, seine Zeit auf Brotarbeiten zu verwenden, weil er dies für einen Diebstahl am Heiligthum seiner Wissenschaft hielt: dann empfand ich das tiefe Weh seines Geistes. Er speicherte ein enormes Wissen auf, aber die Vorsehung hatte ihm doch die rechte Kraft und den rechten Trieb zum Schaffen versagt; er war nur wie Einer, der eine Höhe erklimmt, und von jeder erreichten Staffel nur eine höhere über sich gewahrt, und nimmer rastet, und immer weiter zu eilen sich getrieben fühlt. Jeder Schritt auf der Bahn des Wissens eröffnet ihm die Aussicht auf neue Pfade, und keinen derselben wollte er unbeschritten lassen. Das war sein ganzer Lebenslauf. Vergebens wurden ihm wiederholt Stellen und Aemter an Schulen, Lyceen, ja Akademien angeboten, er wies sie immer ab, weil er nicht lehren, nur lernen wollte. Wie gesagt, sein Wissen war unermeßlich, aber eben so seine Herzensgüte, seine Humanität. Legte man ihm auch die schwersten Fragen vor, bat man ihn um die Lösung der schwierigsten Aufgaben, er opferte seine Tage und Nächte, um dem wissenschaftlichen Zwecke zu dienen. Er veröffentlichte, oder vielmehr er gab auf vieles Dringen seiner Freunde zu, von Zeit zu Zeit einige Bruchstücke seiner gelehrten Arbeiten zu veröffentlichen, welche das Erstaunen der gelehrten Welt erregten, aber nicht ihre Bewunderung, weil sie eben nur Bruchstücke blieben. Auf Umwegen gelang es, ihm ein kleines Jahrgeld, das die Hand einer edlen Dame ihm bestimmte, zufließen zu lassen. Mit der Geschichte der Astronomie bei den Arabern beschäftigt, auf deren Forschung er bereits ein Jahrzehend verwendet hatte, starb er in einem der vielen Dachstübchen der zahllosen großen Häuser von Paris an der Auszehrung; sein Tod wurde erst 24 Stunden später bemerkt, als er eingetreten. Die Hand eines gelehrten Freundes ist jetzt beschäftigt, aus dem großen Schatze seiner hinterlassenen Arbeiten und