Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-08-09 · Heft 33 (9.8.1858) · p. Seite 447

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 33 (9.8.1858)
Date
1858-08-09
Page
Seite 447 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3226093-3226127--17080-3245972
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

447 einen Buchstabengott, einen beschränkten, dem Menschen entrückten und leidenschaftlichen Gott, der die größere Hälfte der Menschheit um der kleineren willen opfert, und wenn es dennoch dem Dogmatismus gelang, viele Geister zu erfüllen und zu enthustasmiren, so vermochte er dieö nur durch zwei Agentien, indem'er verstand die Phantasie anzuregen und die Dogmen mit ihren Bildern zu umkleiden , andererseits die Verzweiflung des Menschenherzens zu benutzen, ihm den vermeintlichen Pfad des alleinigen Heils zu eröffnen. Ich stieg jüngst aus einem lieblichen Alpenthale über blumenreiche Matten eine steile, hohe Felswand hinauf. Stundenlang mußte der Fuß über Geröll und Klippen einen Weg suchen, der ihn über den Rand des ungeheuren Abhanges bringe. Oben angelangt, in einer Höhe von fast 6000 Fuß, trat ich in eine neue, abgeschlossene Welt. Riesige Kuppen wölbten sich immer höher und höher, gewaltige Gletscher und stundenweite Schneefelder tragend; neue Felswände stiegen in den Himmel hinauf; ringsum zahllose Blöcke von allen Dimensionen; zwischen ihnen ein kleiner, dunkler See, der ,.Trübsee" genannt. Es war eine wahre Trümmerwelt mit Steinruinen in den vielfachsten und wunderbarsten Gestalten. Man mußte sagen: das ist kein Anfang einer Schöpfung, das ist das Ende einer solchen; hier haben furchtbare Gewalten die ursprüngliche Formation zersprengt, zerrissen, erplodirt und die Trümmer nach allen Richtungen hin geschleudert. Es war eine Gewalt, die hier zerstörend wirkte, welche man den Tod des Gesteins nennen könnte. Und diese Gewalt, wenn auch in außerordentlich kleinerem Maße, aber überall, ist noch heute wirksam, sie zersprengt, zertrümmert und zerstört noch heute. Da stehen schmale Felswände, hinter denen Klüfte gähnen, und wenn diese sich mit Schnee und Wasser füllen, sv sprengen sie im nächsten Frühjahr die schmale Basis der Wand ab, welche ihr Haupt in tausend Splittern in die Tiefe senkt. — Aber mitten in dieser Trümmerwelt, mitten in diesem Todtenselve der steinernen Erdriesen haben sich schwellende Hügel erhoben, lieblich geschwungene Höhen, von Dammerde bedeckt, und eine unendliche Fülle des Lebens hat sich darüber gebreitet. Kaum daß das zertrümmerte Gestein wieder einen Ruheplatz gefunden, so haben die Flechten sich darüber gesponnen, die Moose, die Gräser, und jetzt sind es üppige Matten geworden; Dein Fuß tritt mit Wohllust den schwellenden Rasen, die Ufer des dunkeln Trübsees find von blumenreichen Auen umschlossen, eine Flora erblüht hier, wie Du sie nicht im Thale, nicht auf der Ebene so mannigfaltig an Formen, so glänzend an Farben findest: zahllose Büsche von Alpenrosen, Genzianen mit den saftigst blauen Glocken, Primeln, Anemonen, Ranunkeln, Veronikas, Edelweis, Achiüien u. s. f. Da ist ein lustiges Schwirren der Käfer, ein Flattern der Schmetterlinge, da erhebt sich mancher Vogel und pfeift sein fröhliches Lied; aus dem ewigen Gletscher aber, dem krystallblauen, starren, rauscht der Gletscherbach hervor und tränkt die blühenden Matten und speist den dunkeln See, und bricht aus ihm hervor, und stürzt in tausend Wasserfällen über die Matten und durch die Forsten hinunter, und die Lawinen rollen donnernd in sein Bett, und der schmelzende Schnee fließt ihm in tausend Runsen zu. Und wenn nun der Juli zu Ende, da steigen die Sennen mit ihren Heerdm auf diese hohen Alpen hinauf, da ist es hier lebendig; die mächtigen Schweizerkübe, die stolzen Stiere voran, schreiten gravitätisch über die Almen, zahlreiche Pferde mit ihren Füllen tummeln sich umher, die zierlichen Ziegen klettern an den Felswänden hinan, wo ihnen außer dem Menschen keines Thieres Fuß folgt; das Läuten der Glöcklein am Halse aller dieser Thiere füllet das hohe, abgeschlossene Thal und der fröhliche Senne läßt dazwischen sein Jodeln hören. Sehet, das ist der lebendige Gott, der, wenn es Zeit ist, die Gestaltung zerschlägt, um auf ihre Trümmer eine neue Schöpfung zu bauen, nicht so kolossal, nicht so regelmäßig, nicht so einfach, aber mannigfaltiger, freier, evler, geistiger. Das ist kein Walten einer todten Materie, vom Zufall zusammengewürfelt; das ist kein Treiben eines starren Gesetzes, das nimmermehr Leben zu schaffen vermöchte, das ist die immer erneuete Schöpfung des lebendigen Gottes, der seine Schöpfungsgedanken entworfen und sie ausführt in der Freiheit seiner Macht und seines Willens. Ich wurde vor einiger Zeit nach einem benachbarten Hause gerufen, darin viele Jahre die Armuth und Entbehrung gewohnt und wo jetzt die Freude und das Glück eingezogen. Es waren alte, ehrliche Leute, deren Gewerbe aber in Stocken gerathen, und wo Verlust unv Krankheit nach und nach Alles aufgezehrt hatten, was frühere Wohlhabenheit irgend zurückgelassen. Ihre Kinder waren früh heimgegangen, bis auf einen Jüngling, der vergebens gestrebt, im Vaterlande ein wohlverdientes Glück zu erringen. Er war vor Jahren über das Meer gegangen und siehe, jetzt war er heimgekehrt. In dem fernen Welttheil hatte er unendliche Schwierigkeiten zu überwinden, viele Jahre Knechtesdienste zu leisten, aber immer mit dem Gedanken im Herzen: Du mußt Deiner Eltern verfallene Hütte auf-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.