Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 33 (9.8.1858)
- Date
- 1858-08-09
- Page
- Seite 445 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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445 wir aber dabei nicht ihre angeborenen Fähigkeiten zu Wissenschaften und Künsten, und indem wir ihnen einen Platz zwischen uns einräumen, benutzen wir ihre Energie, Geistesgegenwart und Erfindungskraft, um sie für die täglich wachsenden Bedürfnisse der Gesellschaft als Hülfsmittel zu verwenden." Noch einmal will ich auf den vorjährigen Jahrgang Ihrer Zeitung und zwar auf No. 35. zurückkehren. Sie geben da nach der Prager Vierteljahrsschrift einen Auszug aus Dr. Glatter's interessanter Arbeit: „Ueber die Lebens-Chancen der Israeliten." Augenscheinlich war Ihnen die Originalschrift nicht zur Hand, wäre dies der Fall gewesen, so hätten Sie Dr. Glatter nicht so leichten Kaufs vorbeigelassen. Damit es aber nicht den Anschein gewinne, daß Sie durch Aufnahme des Auszuges mit Ihrer Autorität den ganzen Inhalt decken, will ich Ihnen die Paar verfänglichen Stellen hiermit denunciren. S. 19. „Im steten Kampfe mit den materiellen Sorgen, mehr weniger verfolgt und angefeindet vom Vorurtheil der rohen Masse, findet der arme Jude wie überall auch hier nur im Familienleben den Ersatz für die Last eines Daseins, an dem er aber mit jener Kraft hängt, welche zumeist das Resultat einer Lehre ist, welche den Schwerpunkt des Lebens nicht jenseit des Grabes sucht." S. 27. „Der Jude altert früh, wird zeitig grau und kahl.... unter den fortgesetzten Kämpfen, um der Familie eine Zukunft zu sichern — jener zehrenden Sorge um die irdische Zukunft." Wie kommt es, daß ein so scharfsinniger Beobachter, der durchgehends mit solcher warmer Theilnahme für die Juden plaidirt, sich von so einem banalen Vorurtheile nicht losmachen konnte? S. 24. endlich: „Bis ihn der Vater hinausnimmt auf seine Wanderungen, wo er seine Carrwre meist mit dem Tragen des Waarenpacks beginnt — einer Last, die öfters Rückgratverkrümmungen zur Folge hat — was liegt aber auch an solcher Verkrüppelung? ist sie doch eine Bürgschaft der Untauglichkeit für die so sehr gefürchtete Militärpflicht." Soll den Juden hiermit Feigheit vorgerückt werden? Nun, Dr. Glatter c tulti quauti könnten sich bei Oberst Lebedew belehren, daß die Juden, einmal die Muskete in der Hand, nicht weniger Bravour als selbst die Russen — denen doch Niemand Feigheit vorwersen wird — bewähren. Aber doch Unlust am Soldatenhandwerk? Welche Naivität! Es kommt Einem unwillkürlich der Versuch in den Sinn, den der Redacteur dieser Zeitung — No. 7. v. I. — dem Posener Korrespondenten der Frankfurter Postzeitung wohlmeinend vorschlägt. Eben wie ich schließen will, bringt die hiesige Zeitung eine mit vielem Geiste vorzüglich stylisirte Replik eines Juden Dumaschewsky, contra Rabinowitz, worin er demonstrirt, daß die Besserung der Juden von innen aus, nicht von den unwesentlichen Namen ausgehen müsse. Aber nicht auf diesen Streit will ich Ihre Aufmerksamkeit richten, aber darauf, daß solche Discussionen in unfern officiellen Blättern stattfinden können, ist ein Zeichen der Zeit. Ich darf dabei nicht vergessen zu erwähnen, daß an der Spitze des Erziehungswesens (zugleich höchste Censurbehörde) von Neurußland und Bessarabien ein Mann gegenwärtig stehet — Geheimderath Dr. v. Pirogow — der nicht blos als Anatom und Operateur zu den ersten Sommitä'ten Europas zählt, sondern auch in humanitärer Rücksicht zu den besten Männern Rußlands gehört, und auch seit Anbeginn seiner Verwaltung hier sich mit Eifer und Beharrlichkeit die Hebung jüdischer Erziehung angelegen sein läßt, die uns die innigste Anerkennung und Dankbarkeit auserlegen. Es sind kaum vorstehende Zeilen trocken geworden, als man mir mit der hiesigen Zeitung einen weitläufigen Aufsatz von Pirogow bringt über — nun, über die neueste Einrichtung der Odessaer Talmud-Thora. Ich werde nicht versuchen, Ihnen hier eine Analyse dieses in vielen Rücksichten merkwürdigen Aufsatzes zu geben, aber nur die Thatsache will ich constatiren, daß der Cnrator des neureußischen Lehrbezirks, Geheimderath Dr. v. Pirogow, es nicht unter seiner Würde hält, die Talmud- Thora als Muster den christlichen Parochial - Schulen vorzuführen. Noch ein weiteres Exequatur als Consul für Mecklenburg erfolgte dieser Tage für einen Kaufmann jüdischer Confession allhier, Herrn Aug. Wolf, Sohn des unlängst verstorbenen berühmten Homöopathen Hofrath Wolf in Dresden. M. S. Riga, 1 6. Juli. Ich beeile mich, Ihnen eine Mittheilung zu machen, die Sie um so mehr interessiren wird, als schon der erste Jahrgang dieses Blattes die Acten des großen Processes enthielt, welcher jetzt endlich zur Entscheidung gekommen, nachdem die Einwohnerschaft Rigas uns so lauge Zeit die Hörigkeit bestritten. Die hiesige Gemeinde, welche trotz ihres mehr denn hundertjährigen Bestehens erst mit dem 18. März 1848, dem Tage des Einzuges Sr. Durchlaucht des Herrn General-Gouverneurs Fürst Suworow an der Erlangung 33*