Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 31 (26.7.1858)
- Date
- 1858-07-26
- Page
- Seite 425 (sequence 11)
- Language
- German
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425 es zahllose Rabbinen, welche der Halacha ihr ganzes Leben lang oblagen und ihr ihre schriftsteslerische Thätigkeit widmeten, demungeachtet aber die Kabbala mit hoher Ehrfurcht studinen, selbst der praktischen Kabbala huldigten, ohne des Gegensatzes sich bewußt zu werden. Zu diesen gehörte auch Jonathan, dessen halachische Schriften von großem Werthe und der streng asketisch lebte, nichts desto weniger ein eifriger Kabbalist war. Seine Wunderkrämerei mit Amulelen bezeichnete ihn daher durchaus nicht als Ketzer. — Die Bemerkungen waren nothwendig, um den ganzen Vorgang zu verstehen, dessen Bericht wir wieder dem Werke des Herrn Klemperer entnehmen. Zur Zeit, als Jonathan das Rabbinat der drei Gemeinden antrat, lebte zu Altona eine durch talmudische wie kabbalistische Gelehrsamkeit ausgezeichnete Persönlichkeit, Namens Jacob Israel Jabetz Emden, erstgeborner Sohn des Hirsch Aschkenafi (Chacham Zebi), sonach Enkel des Salomon Mireles, gewesenen Rabbiners der deutschen Gemeinden zu Altona und Hamburg. Verheirathet mit der Tochter des Mordechai Kohn, Rabbiners zu Brody, wohnte er, so lange sein Schwiegervater lebte, im Hause desselben, zog nach dessen Tode z nach Ungarisch-Brod in Mähren, wurde als Rabbiner! nach Emden berufen, und fungirte daselbst fünf Jahre. Da aber dort weder ihm noch seiner Familie das Klima behagen wollte, begab er sich endlich nach Altona, dem Wohnsitze seiner Vorfahren, die hier das Jncolatsrecht erworben hatten. Er hatte da ein bedeutendes Vermögen mitgebracht, ein Haus angekauft, und vom dänischen Könige das Privilegium zu einer jüdischen Typographie erlangt, allwo er auch mehrere selbst verfaßte Werke abdrückte, die von vielseitiger Bildung zeugen. Der jüdische Gemeindevorstand behandelte ihn mit Ehrerbietung und legte ihm kein Hinderniß in den Weg, als er sich ohne dessen Erlaubniß in seiner Wohnung eine eigene Synagoge errichtete. Ungefähr 1731 war er nach Altona gekommen, als 3. Katzenellenbogen noch am Leben und das Rabbinat der Tripel-Gemeinde verwaltete. Dieser bewies ihm zwar seiner Gelehrsamkeit wegen viele Achtung, zog ihn sogar hier und da bei wichtigen Angelegenheiten zu Rathe; jedoch kam es manchmal zwischen ihnen zu Reibungen, woran aber nur die Unverträglichkeit Jacob Emdens schuld war, da dieser nichts weniger als ein ruhiger, friedliebender Mensch gewesen. Er war einer von jenen Charakteren, die zum Glücke für die Menschheit nicht zu den gewöhnlichen Erscheinungen im Leben gehören, stets nur eine Ausnahme von der Regel bildern die zwar mit hinreichender Geisteskraft begabt, den wissenschaftlichen Boden anzubauen, ihm manch ergiebiges Körnlein abzugewinnen verstehen, jedoch für die menschliche Gesellschaft zu wenig humane Urbanität besitzen, und in welch praktischer Sphäre immer sich bewegend, nur jederzeit ein unheilvolles Wirken an den Tag legen; die aber eben um ihrer Seltenheit willen den Psycholo- . gen um so mehr interessiren, ihm als merkwürdiges Phänomen nur desto reichlichem Stoff zur Meditation darbieten. I. Emden besaß viel Wissen, große Anlagen und Fähigkeiten, aber kein Gemüth, keine Liebe, und bei der vielseitigen Bildung seines Geistes war sein Herz, wenn auch nicht schlecht, doch verwildert, roh und ungeschlacht. Nach dem Tode des Jecheskel Katzenellenbogen aspirirte I. Emden auf das Rabbinat der drei Gemeinden, dachte auch, daß selbes ihm rechtmäßig gebühre, da ja sein Großvater wie sein Vater dieses Amt in Ehren bekleidet^, viel Gutes in dieser Stellung gewirkt halten; war aber zu stolz, um öffentlich als kompetent aufzutreten , würde auch wahrscheinlich nicht durchgedrungen sein. — Gegen Jonathan war er stets eingenommen, hatte von jeher eine Apathie gegen ihn, conspirirte natürlich gegen dessen Aufnahme, fand aber keinen Anklang und nicht allein, daß er selbst präterirt worden, gelangte gerade derjenige Mann an den Posten, den er am wenigsten dort haben wollte. I. Emden dachte Anfangs den neuen Rabbiner gänzlich zu ignorireu, um die Welt sich zu wenig kümmernd, um Heuchler zu sein, machte er Jonathan bei dessen Ankunft nicht die übliche Aufwartung, beehrte ihn nicht einmal mit einem Besuche und war auch bei dessen Antrittsrede in der Synagoge nicht zugegen. Jonathan, der entweder nichts Arges ahnte, oder als; kluger, bescheidener Mann zuvorkommend sein wollte, er- [ mangelte nicht dessen ungeachtet, I. Emden die ihm als Gelehrten gebührliche Ehrerbietung im vollsten Maße zu Theil werden zu lassen. — Es war und ist hie und da noch immer Sitte, daß ein neu augestellter Rabbi vor dem Beginn seiner ersten Draschah einen in hebräischer Sprache aögefaßten Prolog — nach rabbinischer Ausdrucksweise „Reschuß" genannt — vorträgt, worin den hervorragenden Koryphäen der Gemeinde einige Anerkennung gezollt, selbe sogar namentlich erwähnt zu werden 31**