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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-07-26 · Heft 31 (26.7.1858) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 31 (26.7.1858)
Date
1858-07-26
Page
Seite 418 (sequence 4)
Language
German
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418 besser daran thun, unser Meinen für uns zu behalten. Wir wollten hieran nur eine Beobachtung knüpfen. Nichts ist verschiedener als die Art, wie die christlichen Dogmatiker unsere heilige Schrift ansehen, wie sie die auf dem Felsen gründe dieser heiligen Schrift sich erhebende Lehre des Judenthums betrachten, und was sie von den Juden aussagen. Von der einen Seite wird von dem Stifter und den Aposteln des Christenthums selbst die Göttlichkeit unserer heiligen Schrift ausgesprochen, daß sie nicht gekommen, das Gesetz zu zerstören, daß kein Jota davon verloren gehen solle. Und dies ist auch logisch. Denn entweder enthält diese Schrift die göttliche Offenbarung und was göttlich ist, muß wahr sein, muß vollkommen sein, muß bestehend sein, muß heilig und ewig sein; oder sie enthält die göttliche Offenbarung nicht, und dann fehlt der vorgegebenen zweiten aller Grund und Boden. Hierdurch kommt von der andern Seite die Verlegenheit herein, wie die Vorzüge und Fortschritte der zweiten Lehre aufstellen, wenn die erste schon göttlich, also wahr, vollkommen, ewig gewesen. Wie gesagt, an dieser scharfen Klippe zertheilen sich die Pfade der meisten christlichen Dogmatiker. Doch wir verfolgen dies heute nicht weiter, und wollen nur zwei Momente hervorheben, die sich in diesen Tagen uns darboten. Wir schlugen zufällig ein christlich eregetisches Werk auf, und trafen auf die Erklärung der Worte des Apostels Johannes: „Ihr sollet nun Kinder Gottes heißen." Hier war mit großem Wortschwall auseinandergesetzt, daß erst durch das Neue Testament den Menschen die Kindschast Gottes gegeben worden; bis dahin seien sie Kinder des Zornes gewesen, jetzt aber Kinder Gottes. Das Judenthum habe Gott nicht als ^Vater" gekannt, und es gebe kein jüdisches Gebet, in welchem Gott „unser Vater" angeredet werde. In der That kann es nicht genug wundern, mit welcher naiven Unumwundenheil, um das gelindeste Wort zu brauchen, Lehrer der Religion, also doch der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit, so offenbare Unwahrheiten zu Tage bringen. Wir fordern von keinem Nichtjuden, daß er die jüdischen Gebete kenne; aber wohl können wirsordern, daß, wenn er fie nicht kennt, er wenigstens nicht über sie aussage, was aller Wahrheit widerspricht. In unsren ersten Morgengebeten schon wird Gott ■pamft 28 im« „unser Vater, barmherziger Vater" angeredet, und nichts kehrt häufiger in unsren Gebeten wieder als diese Apostrophe und der Gedanke, daß zwischen Gott und uns ein väterliches Verhältniß stattfindet. Und wenn nicht die jüdischen Gebete, so kann man doch eine genaue Kenntniß unserer heiligen Schrift von jedem christlichen Theologen fordern. Muß es einem solchen also nicht bekannt sein, daß von Moses bis zum letzten der Propheten das Verhältniß des Menschen zu Gott als ein kindliches zum Vater gelehrt wird, daß Moses spricht: „Kinder seid Ihr des Ewigen, Eures Gottes", und daß Maleachi ausruft: „Haben wir nicht Alle Einen Vater?" Was es zuletzt für Wirkung haben muß, wenn man sich nicht scheut, Unwahrheit zum Piedestal der Wahrheit zu machen, lehrt die Erfahrung täglich. Zu derselben Zeit erhielten wir ein Manuscript von einem älteren christlichen Staatsmanns zugesandt. Dasselbe handelt über „die glänzende Wiederherstellung des Reiches Israel." Von der Ansicht ausgehend, daß die heilige Schrift Israels wahrhaftige Offenbarung Gottes ist, hält er den buchstäblichen Sinn jedes Wortes fest, und zieht daraus den Schluß, daß das Reich Israels wiever hergestellt und alle mosaischen Gesetze, auch der Opfercultus, jedoch mit den Modificationen nach den Prophezeiungen Ezechiels, wieder in Vollzug gebracht werden, und berechnet aus Daniel die Zeit dieser Wiederherstellung in ungefähr 200 Jahren. Allerdings spricht das gedachte Manuscript auch die Ansicht aus, die wir in unsren Vorlesungen und in Leitartikeln früherer Jahrgänge dieser Zeitung zu erweisen gesucht, daß mit nichten allein die dogmatischen Aussprüche der heiligen Schrift das Erbtheil aller Zeiten seien, sondern daß nicht allein in den ethischen, sondern besonders auch in den socialen Gesetzen der Thora die ewigen Grundlinien der menschlichen Gesellschaft und ihrer Gesetze gegeben sind. Während wir aber aus den, an das bestimmte Volk, zur bestimmten Zeit und für die bestimmten Verhältnisse gerichteten und formulirten Gesetzen den allgemeinen Sinn und die allgemeine Bedeutung für die ganze Menschheit abstrahiren wollen, verlangt jenes Manuscript die buchstäbliche Vollziehung und Ausführung. So verschieden sind die Wege der Menschen, so mannigfaltig das Ringen nach Wahrheit, so schwer noch und überwältigend der Kampf um dieselbe. Aber wenn nur die Treue nicht fehlte, wenn nur Aufrichtigkeit und ganze Liebe zur Wahrheit walteten, um wie viel schneller würden die Fortschritte der Menschheit sein!

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