Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 31 (26.7.1858)
- Date
- 1858-07-26
- Page
- Seite 417 (sequence 3)
- Language
- German
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417 meinsamkeit sehr wohl. Der Staat, in welchem das Aufgehen der Individualität in das Bürgerthum ganz Princip war, Sparta, vermochte doch nicht, die Persönlichkeit zu verwischen. So wenig also Persönlichkeit und Familie, Individualität und Nationalität sich einander aufheben und in Conflict gerathcn muffen, eben so wenig brauchen Nationalität und Humanität sich einander zu verneinen) die Völkerindividuen können der allgemeinen Civilisation angehören, ohne ihre Eigenthümlichkeit aufzugeben, ein allgemeines Recht der Menschen vernichtet noch nicht jedes aus Geschichte und Oertlichkeit hcrvorgegangene Sonderrecht) gewisse allgemeine Convenienzen heben die besondere Sitte noch nicht auf, und wenn es natürlich ist, daß zu Zeiten ein zu starkes Hindrängen auf die allgemeine Entwickelung eine Schwächung der Nationalität herbeisührt, so bleibt letztere doch in tüchtigen Völkernaturen stark genug, um die Schäden wieder auszugleichen. Uns scheint daher das Ziel und Resultat der Menschheit nicht ein Abschleifen alles Individuellen, um eine ungeheuerliche Masse gleichgeformter Krystalle herzustellen, sondern vielmehr innerhalb der großen menschengeschlechtlichen Einheit der Race, das Volk, die Familie, das Individuum zu ihrer edelsten Entfaltung zu bringen, in welcher ihre Eigenthümlichkeit nicht mit der allgemeinen Vernunft und dem allgemeinen Recht in schroffem Widerspruch steht, wohl aber als eine besondere Reproduction des Allgemeinen in besonderer concreter Gestaltung erscheint. Das englische Parlament. Die Bill des Lord Duncan ist endlich im Oberhaust durchgegangen, und damit die zwanzigjährige Frage über die Emancipation der großbritannischen Juden in ihrem letzten Moment, der Aufnahme derselben in das Parlament entschieden. Zwar haben die Peers die Bill nur in der Form angenommen, daß es das Recht, nicht aber die Pflicht beider Häuser sein solle, den Juden bei. ihrem Eintritt im Eide die Formel ,,auf den wahren Glauben eines Christen" zu erlassen. Sicher aber haben die edlen Lords durch dieses Schachern und Feilschen mit dem „Rechte" ihre Niederlage nur eclatanter gemacht. Sie haben aus immer documentirt, daß sie weder die Macht haben, dem Unterhause Widerstand zu leisten, noch die Kraft, ihren Vorurtheilen zu entsagen. Uns offenbart es aber, daß die edlen Herren in der That die Furcht haben, nächster Tage einen Juden als Peer in das Oberhaus eintreten zu sehen, und es freut uns sehr, solch gutes Zeugniß ihrer Majestät der Königin und deren getreuen jüdischen Unterthanen von der hohen Aristokratie gegeben zu sehen. Denn da die' letztere sich nicht einbilden kann, daß jemals ein Unterhaus nach diesen Vorgängen einem von seinen Mitbürgern gewählten Israeliten den Eintritt versagen werde, so ist offenbar die Clausel nur zum Schutze des Oberhauses selbst gemacht. Gott schütze das hohe Haus Viele kontinentale Blätter besprechen dieses Ereigniß mit der Phrase: „Endlich, nachdem die Emancipation der Juden zwanzig Jahre das Parlament beschäftigt und gelangweilt hat, so rc." Wir wetten, diese continentalen Herren hätten sich doch lieber noch zwanzig Jahre und darüber gelangweilt, als jetzt den Kummer zu haben, die glückliche Lösung melden zu müssen. Freilich, diese continentalen Herren begreifen es nicht, wie eine solche Frage des Rechts die englischen Gesetzgeber so lange beschäftigen und endlich zu einem glücklichen Resultate führen könne; denn auf dem Kontinente kennt man seit lange nicht mehr Fragen des Rechts, sondern nur Fragen der Macht. Wollen sie aber hiermit nur ihren geheimen Aerger verbergen, so freut es uns doppelt, daß sie diesen Aerger haben. Lieb ist es uns übrigens, daß nicht die vorjährige Bill Lord Palmerston's, welche bekanntlich mit einer Reihe von Aemtern, welche die Juden bekleiden sollen können, und einer anderen Reihe, welche nicht, ausstaffirt gewesen, sondern die gegenwärtige des Lord Duncan durchgegangen ist, da hiermit alle Nergelei ein Ende hat und die Emancipation der Juden in Großbritannien eine vollendete Thatsache ist. Der ganze Westen Europas bis zur pyrenäischen Halbinsel ist demnach mit diesem Juwel der Gewissensfreiheit geschmückt. Verschiedenheit der Urtheile und Ansichten. Wenn es auch wahr ist, daß innerhalb des Judenthums in unserer Zeit die Ansichten und deren Bethätigung sehr verschieden, und diejenigen, welche der Satzung treu anhängen, von denen, welche sie zum größten Theile abrogiren, weit entfernt sind: so ist dies doch bei Weitem der Zerfahrenheit und Zerklüftung nicht zu vergleichen, welche in der christlichen Lehre, unter den christlichen Lehrern herrscht. Jndeß ist dies nicht Gegenstand unserer Beachtung, und wenn wir Juden auch manches gesunde Urtheil, manchen nützlichen Wink zu geben vermöchten, so wird dies doch von jenseits so ungern gesehen, daß wir 31*