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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-07-26 · Heft 31 (26.7.1858) · p. Seite 416

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 31 (26.7.1858)
Date
1858-07-26
Page
Seite 416 (sequence 2)
Language
German
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416 diesem, bald an jenem Fenster, bald fiel ihm ein Berg, ein Wald, ein Thälchen, bald ein Gebäude, ein Dorf, eine Stadt auf; über Alles rief er seinen Reisegefährten eine lebhafte und gefällige Bemerkung zu, die alsbald Stoff zu weiterer Konversation gab; diese geschah in französischer Sprache, und die Nationalität des gegen Jedermann freundlichen und doch durchaus nicht würdelosen Mannes konnte nicht zweifelhaft sein. Fürwahr! sagte ich zu meiner Begleiterin, hier ist Race, und man kann auch hier die Bemerkung nicht unterlassen, daß nur, wo Race ist, sich Charakter und Tüchtigkeit vorfinden. Ich gerieth darüber in weiteres Nachdenken. Seit langer Zeit ist die Richtung und das Bestreben in der civilisirten Welt, die Bölkerstämme auf ein gleiches Culturniveau zu stellen, sichtbar. Bon innen hat sich dies Streben herausgearbeitet, und man gewahrt leicht, wie jede Nation, die durch die Strömung der Civilisation ergriffen wird, alsbald auch mit Macht darnach strebt, sich den übrigen Völkern zu assimiliren, und alles Eigenthümliche zuerst in der Erscheinung, wie z. B. der Tracht, alsdann in den Einrichtungen und Sitten auf- und dranzugeben. So wie Zusammenhang, Einwirkung und Austausch unter den Völkern der Erde immer mehr wachsen, um aus allen Gliedern der großen Menschensamilie ein kolossales Ganzes zu bilden, das zu einem normalen Organismus wird, in welchem jedes Glied seine Function und Stelle hat, aber auch in der allgemeinen Mitleidenschaft steht und nach denselben Principien organisirt ist und erhalten wird, so bilde: sich auch nicht blos eine allgemeine Wissenschaft, eine allgemeine Kunst, eine allgemeine Industrie, sondern auch ein allgemeines Recht und eine allgemeine Sitte aus. Letzteres benannte man mit den Worten Menschenrecht und Humanität, so wie die ganze Richtung mit Kosmopolitismus. Diesem gegenüber hat man nun oft genug zu Zeiten, wie auch jüngst wieder mit großer Energie geltend gemacht, daß mit dem Verfall der Volksthümlichkeiten, mit dem Verschwinden der Raceverschiedenheiten, mit der Nichtbeachtung der durch Geschichte und Oertlichkeit gegebenen Bedingungen und Bedürfnisse, mit diesem Uebereinenleistenschlagen aller Production und allen Lebens die wahre Kraft der Völkernaturen abgeschwächt und eine Zersetzung und eine Zerfahrenheit aller tüchtigen Lebenselemente hervorgebracht werde. Es kann nicht geläugv.et werden, daß hierin vieles Wahre liegt, und daß, wenn es wahr wäre, daß diese Nivellirung eine vollständige werden könnte, der Menschheit die sicherste Basis kräftigen Schaffens, Merjüngens und Neugebärens genommen würde. Man kann auf Völker und Länder genug hinzeigen, wo das Eindringen fremder Sitte und fremden Lebens alle Tüchtigkeit und Sittlichkeit gewissermaßen hinweggeschwemmt hat. Hat man doch auch darauf hingewiesen, daß selbst die jüdische Masse, indem sie in dem letzten halben Jahrhundert von der allgemeinen Civilisation ergriffen und durchdrungen worden, nicht wenig von ihrer alten patriarchalischen Sittlichkeit verloren habe, daß z. B. die Keuschheit, die Barmherzigkeit bei ihnen in Abnahme sei. Auf derartige faktische Erscheinungen sich stützend, hat man aus Parteirücksichten die Folgerungen auf die Spitze getrieben, die Nationalität und Racenqualität zu einem neuen Cultus erhoben, die Möglichkeit allgemeiner Menschenrechte und die Ansprüche, die daraus fließen, geläugnet, die Humanität verhöhnt, den Kosmopolitismus als einen Verrath an Nation und Vaterland gebrandmarkt. Aber ist denn ein solcher Conflict zwischen Kosmopolitismus und Patriotismus, zwischen Humanität und Nationalität, zwischen Menschenrecht und Nacewerth wirklich vorhanden? Und wenn er vorhanden, ist er ein berechtigter? Kann und soll er nicht zu einer höheren Ausgleichung geführt werden? Wir glauben mit ganzer Ueberzeugung an. diese letztere. Das erste Motiv hierzu ist uns die Beobachtung, daß alles Räsonniren und Ankämpfen jene Richtung in der Menschheit durchaus nicht aufzuhalten vermag, und daß z. B. einer der conservativsten Staaten, Oesterreich, genöthigt ist, die vielen ihm angehörenden Nationalitäten durch ein einziges, allgemeines Staatsband zu einem großen Ganzen zu verbinden, daß dieser große Gang der Weltgeschichte, immer mehr Völkerschaften auf das Niveau der Civilisation zu heben, in Nichts behindert werden kann, sondern durch den Lauf der Ereignisse immer mehr befördert und beschleunigt wird. Es ist dies also keine Sache der Willkür, keine Sache der Partei, kein Resultat einer Philosophie oder Staatstheorie, sondern ein Gesetz der Menschennatur, ein Gedanke der göttlichen Waltung. Wir sehen aber auch, wie innerhalb eines Volkes die Individualität der Einzelnen durchaus nicht aufgehoben ist. Ja, wir können einen Schritt noch weiter gehen, selbst im Schoße einer durch einen besonderen Charakter stark ausgeprägten Familie marken sich die einzelnen Glieder derselben scharf von einander ab, auch wenn sie allesammt eine genügende Portion von dem Familiencharakter, von der Familienanlage besitzen. So unterscheiden sich z. B. in Maler - und Componistenfamilien u. dgl. die einzelnen Persönlichkeiten trotz mancher Ge-

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