Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 30 (19.7.1858)
- Date
- 1858-07-19
- Page
- Seite 412 (sequence 8)
- Language
- German
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412 bei seiner allda gehaltenen Abschiedsrede in der Synagoge zugegen waren. Jonathan entkam mit seiner Familie glücklich aus Prag, bevor der bayerische Kurfürst Karl die Stadt eingenommen, sah sich aber genöthigt, alle seine Habseligkeiien daselbst zurückzulassen. Bei der bald darauf — den 7. December 1741 — erfolgten Occupation der böhmischen Hauptstadt verlor er all sein dort befindliches Eigenthum, welcher Verlust ihn nur darum schmerzlich berührte, weil er dadurch seine Absicht, seine Geistesproducte durch den Druck zu veröffentlichen, vereitelt sah, indem er jetzt außer Stande war, die hiermit verbundenen Unkosten zu bestreiten. Mehr als Alles ging ihm aber daS über die Bewohner der.großen und vorzüglichen Stadt hereingebrochene Unglück zu Herzen; denn für Prag hatte er eine große Vorliebe und nannte es stets seine Heimath. Wäre Jonathan in Prag verblieben, so hätte er wahrscheinlich das dortige Oberrabbinat erlangt, durch seine Abreise nach Metz sperrte er sich aber den Rückweg nach Prag gänzlich ab. Es wurde ihm von der kaiserlichen Regierung, aus welchen Gründen ist uns unbekannt, die Rückkehr nach den österreichischen Erbländern für immer verboten. Die Reise Jonathans nach seinem neuen Bestimmungsorte glich einem Triumphzuge; aller Orten, wo er durchreiste, sammelte sich das Volk, um von dem heiligen Manne gesegnet zu werden, um seinen Wagen, auch mehrere seiner Schüler zogen mit ihm, um ferner unter seiner Leitung ihre Studien fortzufetzen. Bald entwickelte er auch zu Metz in jeder Beziehung eine außerordentliche Thätigkeit. Sein anerkannter, weit verbreiteter Ruf brachte die von ihm geleitete theologische Akademie daselbst bald zur höchsten Blüthe, indem aus allen Gegenden Polens wie Deutschlands Talmudjünger herbeiströmten, seine Vorträge zu hören. Außer dem Lehramte hatte zur damaligen Zeit jeder Oberrabbiner eine dreifache Wirksamkeit. Erstlich mußte er bei den in seinem Sprengel sich ereignenden judiciellen Fällen das Richteramt versehen; dann als Prediger und Volkslehrer sungiren; endlich auch drittens die Aufrechthaltung des heiligen Glaubens strengstens überwachen. Folgen wir nun unserem Jonathan in seiner dreifachen Amtsthätigkeit. — Bei der Rechtspflege galten ihm natürlich die Prineipien der mosaisch-rabbimschen Rechtslehre als alleinige Richtschnur; er eiferte sehr gegen Diejenigen, die sich zuweilen dawider zu handeln erlaubten, konnte aber bei all seinem Eifer, und so sehr er fich's auch annehmen mochte, nicht immer durchdringen. So z. B. hält er sich darüber oft auf, daß man die von jüdischen Schuldnern ausgestellten Wechsel, wenn sie nicht gezahlt werden, bei der Landesbehörde einklagt, vermochte aber Dem nicht zu steuern, weil solche Unzukommlichkeit, wie er es nannte, schon längst Wurzel gefaßt hatte; würde Jemand, drückt er sich weiter aus, diesem den Söhnen Israels nicht geziemenden Verfahren Einhalt thun, er hätte gewiß dafür einst Lohn bei Gott zu erwarten. Beim Rechtsprechen verfuhr er mit größter Behutsamkeit, und wollte nicht das Mindeste auf sein Gewissen nehmen. — In Metz bestand von jeher die Einrichtung, „daß Streitsachen, bei welchen es sich um weniger als 25 Thaler handelte, vom Oberrabbiner allein,'ohne Zuziehung der Rabbinalsassessoren, abgemacht wurden, um die Gerichtskosten zu vermindern." Jonathan machte von diesem ihm zustehenden Rechte nur dann Gebrauch, wenn der vorkommende Casus ein ganz einfacher, das hierüber zu fällende Urtheil klar wie die heitere Mittagssonne war; waltete hingegen das geringste Bedenken ob, so daß Gründe pro et contra geltend gemacht "werden konnten, ließ er alsbald das Rabbinatscollegium hierzu versammeln. Ereignete sich ein Fall, worüber die alten Rechtslehrer verschiedener Ansicht wa-* ren, da wich er lieber einem entschiedenen Urtheilsspruche aus, suchte wie möglich einen Ausgleich zwischen den Parteien zu Stande zu bringen. Nicht minder tüchtig zeigte er sichals Volkslehrer. Er predigte in der Synagoge sehr fleißig; geißelte scharf und offen die in seinem Bezirke vorherrschenden Laster und Vergehungen, that dieses aber nie auf derbe, die Schranken der Mäßigung außer Acht lassende Weise, sondern suchte in liebevoller, ergreifender Ansprache das Herz seiner Zuhörer zu rühren und zu bewegen. Erglüht und begeistert vom vollen Bewußtsein dieses seines heiligen Berufes; ruft er einmal auf der Kanzel aus: „Keine Stunde meines ganzen irdischen Lebenswandels ist mir so lieb und angenehm, als die, in welcher ich an heiliger Stätte die Kinder meines Volkes zurechtweise, gegen die Sündhaftigkeit vermahne und ver-